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Melissa Bahar Esin: "In der Türkei hatte ich eher als in Deutschland das Gefühl, dass Männer und Frauen auf Augenhöhe sind."

Melissa Bahar Esin wurde als Fachkraft von der Türkei nach Deutschland abgeworben. Ob Stuttgart, Nürnberg, Flensburg oder München, ihre Erfahrungen waren überall ähnlich. Auf einmal war sie mehr Frau und Mutter als Führungskraft. Doch Melissa Bahar Esin ging weiter ihren Weg mit Kind UND Karriere – nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für ihre Tochter.


Liebe Frau Bahar Esin, würden Sie sich kurz vorstellen?

Ich bin 40 Jahre alt und in Istanbul in der Türkei geboren, wo ich das österreichische Gymnasium absolviert und dann mein Germanistikstudium begonnen habe - daher kommen auch meine deutschen Sprachkenntnisse. In Deutschland bin ich seit zehn Jahren. Aktuell lebe ich in München, wo ich in der Leitung eines Einkaufszentrums tätig bin. 

 

Wie kamen Sie nach Deutschland?

Nach dem Studium erfolgte der Berufseinstieg in der Türkei. Nach fünf Jahren wurde ich von Deutschland abgeworben. Damit fing dann meine 'Reise' in Deutschland – ich war erst in Stuttgart, dann in Nürnberg, von dort ging es in den hohen Norden nach Flensburg und München ist jetzt mein vierter Standort. Ich arbeite im Center Management. Teilweise habe ich als Sprachlehrerin gearbeitet und eine Sprachschule geleitet, doch jetzt bin ich zurück bei meinen 'Basics', in der Leitung von Einkaufszentren.

Spannend. Haben Sie in der Türkei auch in diesen Bereichen gearbeitet?

In der Türkei habe ich bei ECE angefangen, das ist ein Unternehmen im Immobilienbereich, welches der OTTO Gruppe angehört. Das war mein erster Arbeitgeber in der Türkei. Danach habe ich bei einem holländischen Unternehmen in der Türkei gearbeitet und wurde dann von dort sozusagen nach Deutschland abgeworben.

Welche Unterschiede haben Sie festgestellt, als Sie nach Deutschland gekommen sind?

Der allergrößte Unterschied war, dass ich für mich zu Beginn festzustellen musste, dass mir die hohe gesellschaftliche Anerkennung, die mir in der Türkei aufgrund der Reputation meines Gymnasiums entgegengebracht worden war, in Deutschland fehlte. Hier war ich eine Fachkraft, die der deutschen Sprache mächtig und eine Frau war. Die Betonung liegt deswegen auf dem Begriff "Frau", weil das in der Türkei überhaupt keine Rolle gespielt hatte. Ich habe bis zum Alter von 29 Jahren in der Türkei gearbeitet, wo es bei der Einstellung keine Rolle spielt, ob ich vielleicht schwanger werde oder ob ich heiraten möchte. Das waren nicht die Kriterien, anhand derer man jemanden eingestellt hat oder eben nicht. Man hat sich darüber auch nicht unterhalten.

In Deutschland war das anders: Man hat mich sozusagen durch die Blume gefragt, was meine Einstellung zu dem ganzen Thema sei. Für mich war das eine harte Feststellung, dass man in Deutschland so viel Wert auf dieses Thema legt. Obwohl man als Mutter in der Türkei deutlich benachteiligt ist, was Mutterschutz und Elternzeit angeht, spricht man dort nicht über das Thema. In der Türkei wurde der Mutterschutz erst kürzlich eingeführt und der Zeitraum ist mit einem halben Jahr deutlich kürzer bemessen als in Deutschland. Das heißt, Frauen kehren an ihren Arbeitsplatz zurück, wenn ihr Baby höchstens sechs Monate alt ist. Das wird aber weder diskutiert, noch hinterfragt nach dem Motto: "Wie wird sie denn jetzt performen? Das Baby ist doch noch so klein!"

Haben Sie hier auch persönliche Erfahrungen gemacht?

In Deutschland hat man ja den Luxus, dass man bis zu drei Jahren Elternzeit nehmen kann. Ich habe tatsächlich bei einem Arbeitgeber die Erfahrung gemacht, dass ich aufgrund der Tatsache, dass ich Mutter geworden bin und ein dreijähriges Kind hatte, nach einer nicht einmal halbjährigen Pause nicht auf meine ehemalige Position zurückkehren durfte. Das ist ein sehr großer Unterschied!

Gibt es noch weitere Unterschiede zwischen der Türkei und Deutschland?

Ein weiterer Unterschied, den ich persönlich in meinem sehr männerdominierten Berufsfeld festgestellt habe, ist, dass ich mich in der Türkei, obwohl sie als Macholand wahrgenommen wird, meinen männlichen Kollegen gegenüber nicht so sehr behaupten musste wie hier in Deutschland. In der Türkei hatte ich eher als in Deutschland das Gefühl, dass Männer und Frauen auf Augenhöhe sind. In Deutschland wird das Frausein stark von der Mutterrolle definiert. Eine Kollege meinte einmal, ich solle mich entscheiden, ob ich eine Karrierefrau sein möchte oder eine Mutter. Wo ich mir dachte, okay, also beides würde auch funktionieren. Viele haben aber diese Grundstruktur im Kopf, dass eine Mutter was vom Kochen versteht, aber nichts von einer Umsatzanalyse zum Beispiel. In der Türkei habe ich so etwas nie ansatzweise zu spüren bekommen.Was ich auch interessant finde ist, hier in meinem Umfeld arbeiten die Mütter entweder gar nicht oder nur geringfügig. Und dafür arbeiten die Väter ganz hart und ich denke dass das für die Männer auch ein großer Nachteil ist. Warum teilen wir diese Verantwortung nicht? Vielleicht sollte man auch mal den Männern das Mikrofon geben und sie bitten ihre Meinung zu äußern. Vielleicht sollten die Männer auch mal erzählen, was für eine Verantwortung es für sie bedeutet, Alleinverdiener zu sein und mit welchen Risiken dies verbunden ist.

Das Entweder-oder ist uns in diesen Interviews schon ganz oft begegnet!

Genau! Ich denke, dass es das grundsätzliche gesellschaftliche Verständnis der Mutterrolle in Deutschland widerspiegelt. Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich damals in der Krippe darauf angesprochen wurde, was ich meinem Kind antue, wenn ich arbeiten gehe. Es ist ein Gedankengang, der nicht nur bei den Arbeitgebern vorherrscht, sondern auch bei den (zukünftigen) Müttern selbst. Dass man als Frau arbeiten geht, hat doch nichts damit zu tun, dass man dem Kind etwas Schlimmes antun würde! Ich bin berufstätig, seitdem meine Tochter drei Jahre alt ist und ich bin immer in Vollzeit arbeiten gegangen. Und das tue ich immer noch. Ich finde, dass es machbar ist, und ich finde es sehr schade, dass man versucht, mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Das heißt, Mütter müssen daran arbeiten, dass es funktioniert, und die Arbeitgeber sollten den Frauen auch die Chance geben, sich trotz des Kindes in der Berufswelt zu etablieren.

Und in der Türkei läuft das anders?

Ja! Wenn ich in der Türkei, zum Beispiel in Istanbul wohnen würde und dort ohne meine Eltern, nur mit Mann und Kind wäre, würde ich mir ein Aupair oder eine andere Hilfe als Ergänzung zur bestehenden Betreuung durch den Kindergarten besorgen. In Deutschland ist es unglaublich teuer, eine Haushälterin zu beschäftigen, sodass die Menschen eher dazu tendieren, auf Stundenbasis Haushaltsdienstleistungen zu vollbringen. Das ist dann so kostspielig, dass man eigentlich gar nicht mehr arbeiten bräuchte.

Wir machen es in Deutschland trotzdem so, wie ich es in Istanbul machen würde: Ich beschäftige ein Aupair-Mädchen als Ergänzung zu den bestehenden Betreuungszeiten, die das System uns hergibt und die nicht optimal sind. Dass wir mit einer 'fremden Person' zusammen wohnen, wird von anderen Familien schon komisch betrachtet. In der Türkei wohnt man gerne mit einer weiteren Person zusammen - die Bezeichnung 'fremde Person' habe ich in Deutschland neu dazugelernt.

Eine interessante Perspektive, die sich da auftut!

Ich sehe mich da auch als Kulturbotschafterin, weil ich mittlerweile die deutsche und die türkische Kultur sehr gut kenne. Das vermittle ich auch dem Aupair, was uns beide bereichert. Hauptsache, es geht meinem Kind gut! Das gilt auch für unsere gemeinsame Zeit: Im Zusammenhang mit dem Aupair-Thema wurde ich schon oft gefragt, warum ich mir so wenig Zeit für mein Kind nehmen würde. Das entspricht nicht der Realität! Mein Aupair bringt mein Kind in den Kindergarten, holt es wieder ab und betreut es dann noch weitere ein bis zwei Stunden, bis wir nach Hause kommen. Das entspricht keiner qualitativ hochwertigen Zeit, denn nach dem Kindergarten ist das Kind erstmal fix und fertig. Wir verlieren also als Familie keine gemeinsame Zeit. Hier in Deutschland schaut man nach Minuten und Stunden, in der Türkei sprechen wir eher über die Qualität und nicht über die Quantität. Die Vorstellungen von der Betreuung eines Kindes sind ganz anders.

In der Türkei ist es auch kein Problem, eine Haushälterin zu haben - das ist normal, wenn man es sich leisten kann. Oder man hat ein Elternteil im nahen Einzugsgebiet, sodass die Großeltern unterstützen können.

Ich glaube, hier muss ein Umdenken stattfinden, das man in der gesamten Gesellschaft Stück für Stück etablieren sollte.

Haben Sie da eine konkrete Idee, wie man das machen könnte?

Ich persönlich gehe sehr gerne zu irgendwelchen Bewerbungsgesprächen, ohne auf Arbeitssuche zu sein. Einfach aus dem Spaß, um zu zeigen, dass man sich auch als Mutter auf eine Vollzeitstelle bewerben kann. Ich möchte zeigen, dass das möglich ist, und mit anderen Menschen darüber ins Gespräch kommen. Bei dieser Gelegenheit erkläre ich dann direkt, wie das funktioniert und welche Vorteile wir darin entdeckt haben.

Es wäre wichtig, mit Personalabteilungen zusammenarbeiten, Arbeitskreise zu organisieren und ihnen Best Practice Beispiel von engagierte Müttern zu zeigen - einfach als Denkanstoß.

Welchen Ratschlag würden Sie Frauen für ihre Karriere in Deutschland mitgeben?

Ganz einfach: Persönliche Prioritäten setzen und dementsprechend handeln und bloß nicht die gesellschaftlichen Werte über die eigenen Werte platzieren! Gerade diejenigen, die sich in einem Zwiespalt fühlen zwischen Kind und Karriere, sollten sich die Grundfragen stellen: Möchte ich unabhängig sein? Möchte ich auf den eigenen Beinen stehen? Was ist meine Priorität und welches Vorbild möchte ich meinem Kind geben? Ich sehe meinen Beitrag auch darin, dass ich meinem Kind ein gutes Vorbild sein kann, auch wenn ich 2020 vielleicht noch nicht so gerne gesehen werde. Meiner Tochter möchte ich zeigen, dass ich arbeite. Und mein Kind sagt jetzt auch schon: "Mama, ich will auch arbeiten gehen!"

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch und weiterhin viel Erfolg für Ihre Arbeit.

 

 

Unterstützer
Das Projekt wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landes Baden-Württemberg unterstützt.