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Kristin Theis: Über Singapur nach Norwegen und zurück

Kristin Theis ist in Singapur mit einem Kleinkind in das kalte Wasser der Vollzeitberufstätigkeit gesprungen. Sie erlebte in Norwegen die hohe Wertschätzung für Diversity und ist inzwischen der Überzeugung, dass Frauen ihre Erfolge kommunizieren müssen – nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere, jüngere Frauen. Im Interview beantwortete sie die Fragen von Spitzenfrauen-BW.

Kristin Theis vor dem Deloitte-Büro-Gebäude in Oslo, Norwegen

Liebe Frau Theis, bitte stellen Sie sich unseren Lesern vor.

Ich besitze inzwischen über 20 Jahre Berufserfahrung in unterschiedlichen Bereichen der Steuerberatung in Deutschland und im Ausland. Nach meiner Ausbildung in einer Steuerkanzlei und nachfolgender Berufstätigkeit habe ich den Entschluss gefasst, mich weiter zu orientieren. Ich wollte mein Gehaltsgefüge und auch meine Lebensqualität verbessern und wusste, dass ich noch mehr kann. Aus meinem Ziel, dass ich mir damals im Alter von 20 Jahren setzte, folgte in den darauffolgenden 20 Jahren eine internationale Karriere mit unterschiedlichen Stationen innerhalb Deutschlands sowie im europäischen und asiatischen Ausland.

Bedingt durch berufliche Veränderungen meines Mannes folgten zunächst zwei Umzüge innerhalb von Deutschland und jeweils damit verbunden der Wechsel des Arbeitgebers – beide Male bei einer Bank im Accounting- und Steuerbereich.

Nebenberuflich bildete ich mich in dieser Zeit über den zweiten Bildungsweg weiter und qualifizierte mich zur internationalen Bilanzbuchhalterin (IHK). Mein großes Ziel war, es in eine der vier weltweit größten Beratungsfirmen zu schaffen. Dafür bereitete ich mich auf die Steuerberaterprüfung vor, doch während der Vorbereitung erhielt mein Mann das Angebot, beruflich nach Shanghai zu gehen. Obwohl mir bewusst war, dass dieser Schritt für mich Schwierigkeiten mit sich bringen würde, haben wir uns gemeinsam dafür entschieden, diese einmalige Chance anzunehmen. Insgesamt boten sich allerdings für mich dadurch mehr Vorteile als Nachteile.

Wie verlief der Berufseinstieg in China?

In China werden ausländische Fachkräfte eher für technische Berufe gesucht, sodass meine Einstiegschancen in den Arbeitsmarkt sehr gering waren. Dazu kam die Sprachbarriere: In China ist es sehr schwer, eine Anstellung zu bekommen, wenn man die Sprache nicht beherrscht. Für mich war die Zeit in Shanghai und Peking ein sehr tiefer Einschnitt: Ich, die bis dahin immer voll berufstätig war, hatte keinen Job und auf einmal viel Zeit. Das hieß auch, dass ich auf einmal nicht mehr so unabhängig war. Ich habe mich mit der chinesischen Sprache beschäftigt, doch der Einstieg in den Beruf ist mir in China nicht gelungen.

Wieso gelang Ihnen der Berufseinstieg dann gerade in Singapur?

Nach zwei Jahren folgte der Wechsel nach Singapur - das neue Umfeld eröffnete neue Einstiegschancen ins Berufsleben, da in Singapur die Amts- und Berufssprache Englisch ist - die sprachliche Hürde war wesentlich geringer. Zur gleichen Zeit war ich schwanger und mein erstes Bewerbungsgespräch fand gleich nach der Entbindung statt: Für mich bot sich die einmalige Chance, bei einer der großen Beratungsfirmen einzusteigen. Endlich, mein großes Ziel war jetzt greifbar - Unglaublich! Das war allerdings an die Bedingung geknüpft, dass ich direkt Vollzeit arbeite - trotz Kleinkind.

Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, doch ich wollte diese Chance nutzen: Auch weil der Einstieg in dieser Form in Deutschland nicht möglich gewesen wäre. Dort wäre ich als Kandidatin ohne Studium und ohne Steuerberatertitel nie in Betracht gezogen worden. In Singapur konnte ich dafür mit viel Berufserfahrung überzeugen und wagte den Sprung ins kalte Wasser.

Natürlich wollten wir erst einmal sehen, ob das Zusammenspiel zwischen Familie und Beruf passt. Tatsächlich hat das Vollzeitarbeiten sehr gut geklappt, es war aber auch eine sehr große Herausforderung: Die Eingewöhnung in ein ganz neues kulturelles Umfeld und Englisch als Arbeitssprache, dazu die Einarbeitung in die Fachterminologie. Heute, wenn ich an diese Zeit zurückdenke, bin ich sehr stolz auf diesen Erfolg. Es war ein riesiger Schritt raus aus meiner Komfortzone, der sich gelohnt hat, aber für den ich auch einen sehr hohen Preis gezahlt habe.

War die Tatsache, dass Sie ein Kleinkind hatten, für Ihren Arbeitgeber ein Thema und kam das im Vorstellungsgespräch zur Sprache?

Dass ich Mutter war, spielte für den Arbeitgeber dabei keine Rolle. Schon beim Bewerbungsgespräch wussten sie von meinem Kind und haben mich darauf angesprochen. Doch in Singapur sind die Unternehmen wegen der starken chinesischen Prägung darauf eingestellt, dass alle Frauen drei Monate nach der Geburt wieder arbeiten. Außerdem ist der familiäre Hintergrund ein anderer: Ehepaare leben dort in der Regel mit den Großeltern zusammen. Während die Eltern arbeiten und das Geld verdienen, kümmern sich die Großeltern um die Kinderbetreuung. Daher war auch mein Kind für meinen neuen Arbeitgeber kein Thema, es hieß aber: Vollzeit oder gar nicht. Bei uns übernahm ein Kindermädchen die Betreuung zu Hause, während ich bei Arbeitszeiten von 8.00 Uhr bis 17.00 Uhr plus Anfahrt sehr lange Arbeitstage bewältigen konnte. Im Großen und Ganzen hat aber alles gut geklappt.

Wurde das fehlende Studium beim Vorstellungsgespräch thematisiert?

Nein, das fehlende Studium war im Vorstellungsgespräch überhaupt kein Thema. Rückblickend war es eher für mich persönlich als Frau ein Thema, da ich mich selbst als nicht gleichwertig empfunden habe. Ich habe mir selbst eingeredet, dass ich nicht gut genug bin.

Was ist Ihr Rat für andere Frauen?

Mein Rat ist auf jeden Fall, zu reflektieren und sich selbst seine eigenen Erfolge bewusst zu machen. Klappern gehört zum Handwerk! Frauen machen sich selbst häufig zu klein.

Wie ging es nach dem erfolgreichen Berufseinstieg in Singapur weiter?

2014 folgte für uns der Umzug nach Norwegen. Wieder weil mein Mann ein attraktives Angebot erhielt. Meiner Erfahrung nach ist es immer noch so, dass Frauen eher „hinterherziehen“. Das heißt auch, dass sie sich dann ganz neu orientieren müssen, während der Mann schon das Unternehmen und das entsprechende Netzwerk im Unternehmen hat.

Wie verlief die Neuorientierung in Norwegen?

Natürlich hatte ich eine Referenz aus Singapur und bereits Kontakte innerhalb Deloitte geknüpft. In Norwegen musste ich allerdings in der gleichen Beratungsgesellschaft nochmals den ganz normalen Bewerbungsprozess durchlaufen. Das liegt daran, dass Deloitte ein Firmennetzwerk ist, das zwar als ein Unternehmen nach außen auftritt, aber aus vielen rechtlich selbständigen Gesellschaften besteht. Das heißt, man kann sich nicht so frei von Land zu Land bewegen, wie das bei einem Konzern der Fall wäre. Sicher hat mir die Erfahrung aus Singapur den Einstieg in Norwegen erleichtert. Die Amtssprache ist zwar Norwegisch, aber das internationale Aufgabengebiet erfordert Englisch als Arbeitssprache und machte den Einstieg leichter.

Wie waren Ihre Karriereerfahrungen in Norwegen?

Auch in Norwegen bin ich in Vollzeit eingestiegen. Meine Tochter war genau ein Jahr alt und in Norwegen gehen alle Kinder mit einem Jahr in die Kinderbetreuung. Davor gibt es eine Elternzeit von einem Jahr. Das ist einfach so, das heißt, da gibt es eine ganz klare gesetzliche Regelung, die allen bekannt ist. In der Praxis sieht das dann so aus: Anspruchsvoller Job und Familie sind super vereinbar! Um 16.00 Uhr holt man das Kind ab, vorher hat man qualitativ hochwertige Arbeit gemacht. Denn auch als Mutter wird man nicht auf Teilzeit runtergestuft. Gleichzeitig werden die Kinder toll ausgebildet, es ist eine super Betreuung und Vorbereitung auf die Schule.

Das heißt man begegnet in Norwegen als Mutter auch nicht dem Vorwurf, eine „Rabenmutter“ zu sein?

Nein, die Rabenmutter-Diskussion gibt es in Norwegen nicht. Natürlich wird abends oder am Wochenende weitergearbeitet, wenn es notwendig ist. Insgesamt ist nicht die Anwesenheit im Büro entscheidend, sondern dass „geliefert“ wird. Es gibt also eine Vertrauensbasis und ein sehr verantwortungsvolles Arbeiten.

Denken Sie, dass es für Frauen in Norwegen oder Singapur einfacher ist, Karriere zu machen als in Deutschland?

Ich würde sagen Karriere ist überall eine Herausforderung. In Singapur ist man einen Schritt weiter, was die Gleichstellung angeht. Das hängt mit der starken chinesischen Prägung zusammen. In Norwegen habe ich erlebt, dass schwangeren Frauen vor der Elternzeit die Kanzlei-Partnerschaft angeboten wurde. So wurde signalisiert, dass sie Sicherheit haben, dass man ihnen die Karriere zutraut und dass der Arbeitgeber Unterstützung gibt. Das war ein wichtiges Zeichen auch an alle anderen weiblichen Kolleginnen. Natürlich wird man dadurch auch gefordert und nicht alle nehmen das Angebot an. Trotzdem gilt: Die Vereinbarkeit von Karriere oder Kind ist in Norwegen überhaupt keine Frage, Frau muss sich nicht für das Eine oder Andere entscheiden, sondern Beides ist vereinbar.

Warum funktioniert das in Norwegen und nicht in Deutschland?

Man muss natürlich sagen, dass dies auch in Norwegen ein Prozess von circa zehn bis fünfzehn Jahren war, in denen die Unternehmen an der Gleichstellung gearbeitet haben - und auch das Selbstverständnis ist ein anderes. Aber auch in Norwegen ist noch nicht alles perfekt: Aktuell liegt der Anteil von Frauen in Führungspositionen bei rund einem Drittel und auch in Norwegen haben Frauen mehr zu schultern. Die 50/50-Gleichstellung ist noch nicht erreicht. Doch es wird viel dafür getan: Aktuell haben die großen norwegischen Firmen ganz klare Anforderungen an uns als Beratungsunternehmen, zum Beispiel dass ein bestimmter Frauenanteil in Projektteams gegeben ist - das muss auch entsprechend nachgewiesen werden.

Gibt es hierfür gesetzliche Regelungen?

Es gibt keine entsprechende gesetzliche Regelung, sondern es ist eine kulturelle Einstellung. Diversity hat einen großen gesellschaftlichen Stellenwert in Norwegen, das Potenzial soll nicht vergeudet werden. Man ist der festen Überzeugung, dass das auch eine bessere Qualität der Beratung mit sich bringt. Die größte Bank in Norwegen zieht das rigoros durch und nimmt hier eine ganz klare Vorreiterrolle ein. Gerade ist auch eine (gesetzliche) Verpflichtung für Unternehmen in der öffentlichen Diskussion, den Frauenanteil in Führungspositionen zu melden.

Können Sie uns etwas zu den Karriereprozessen in Norwegen sagen?

Ich habe keinen direkten Einblick in die Prozesse, aber zumindest was Neueinstellung betrifft, kann ich sagen: Es gibt einen sehr strengen Rahmen, den es einzuhalten gilt. Für das mittlere Management kommt dazu, dass neben dem Studienabschluss auch Soft Skills wie Kommunikationsfähigkeit, Problemlösungsfähigkeit, Präsentationsfähigkeit und Lösungsorientierung wichtig sind. Für das höhere Management ist natürlich auch die Reputation wichtig.

Stellen werden intern angeboten, da man eigene Leute ausbilden und entwickeln will. Nur wenn aus den eigenen Reihen niemand auf die Stelle passt, wird extern gesucht und eingestellt. Aktuell werden auch bewusst Frauen gesucht. Das wird von den Beschäftigten beobachtet und auch erwartet. Es gibt in Norwegen ein starkes Bewusstsein, dass die Beschäftigten das höchste Gut sind, und man tut viel dafür, dass Beschäftigte im Unternehmen bleiben.

Würden Sie sagen, dass die Wertschätzung der Mitarbeitenden in Norwegen ausgeprägter ist?

Ja, auf jeden Fall. Die Wertschätzung für die Beschäftigten und die Qualität der Arbeit werden zusammen gedacht, das erste bedingt sozusagen das zweite. In meinem Unternehmen gibt es beispielsweise Events für diesen Zweck: Die Beschäftigten werden für zwei bis drei Tage an einen Ort in Norwegen eingeladen, wo es beispielsweise Teambuilding-Übungen gibt und das Management die Beschäftigten über die Unternehmensstrategie und die aktuellen Maßnahmen aufklärt.

Ist Ihr Unternehmen hier ein Sonderfall oder ist das beispielhaft für norwegische Unternehmen?

Ich vermute, dass das auch in anderen Branchen und Unternehmen so gelebt wird. Werte haben einen extrem hohen Stellenwert in norwegischen Unternehmen. Das habe ich selbst so erlebt: Vor eineinhalb Jahren brauchte ich mehr Zeit für ein privates Projekt. Ich befürchtete damals, dass ich kündigen müsste. Als ich das Gespräch mit meinem Chef suchte, kam alles ganz anders. Mein Chef hatte mir gegenüber vollstes Verständnis und bat mich, nicht zu kündigen, weil ich gute Arbeit leistete. Er riet mir, mit der HR-Abteilung mögliche Arbeitszeitmodelle für mich auszuloten. Man schätzt die Beschäftigten und zeigt Möglichkeiten auf, wie sie an das Unternehmen gebunden bleiben.

Welche Strukturen oder Instrumente könnten nach Deutschland übertragen werden, damit Frauen weniger Hürden auf ihrem Karriereweg vorfinden?

Ich denke, es ist ein Zusammenspiel aus drei Eckpfeilern, um die Strukturen zu verbessern. Einerseits müsste die Politik aktiv werden und bessere Rahmenbedingungen schaffen. Kinderbetreuung ist ein zentrales Thema wie ich finde. Deutschland braucht mehr Kindergärten und gut ausgebildetes Personal. Nur wenn ich weiß, dass mein Kind gut betreut ist, kann ich mich 100%ig auf meine Arbeit und Karriere konzentrieren. Außerdem denke ich mittlerweile dass ohne Frauenquote, Gleichstellung in naher Zukunft nicht erreicht wird. Allerdings Gleichstellung muss auch interessant für Männer sein. Um nur ein Beispiel zu nennen: In Norwegen gibt es sehr viele Männer im Erzieherberuf, er wird deutlich besser vergütet.

Bei den Unternehmen in Deutschland sehe ich Firmen wie Vaude oder Bosch als Vorreiter. Unternehmen müssen die Gleichstellung vorantreiben und mehr Frauen für Führungspositionen im Unternehmen aktiv einfordern. In Deutschland gibt es eine starke Männerdominanz und zu wenig Flexibilität – zum Beispiel gilt immer noch sehr stark die Anwesenheitspflicht im Büro. Aber auch wir Frauen müssen uns  auch mehr zutrauen und unsere Erfolge kommunizieren – nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere, jüngere Frauen. Keine falsche Bescheidenheit mehr!

Was können Frauen in Deutschland mit Blick auf Frauen aus Norwegen ändern, wenn sie erfolgreich Karriere machen wollen?

In Norwegen unterstützen sich Frauen besser (z.B. durch gegenseitigen verbalen Support in Meetings und stärkere Netzwerke) und sind präsenter, durch selbstbewusste Kommunikation sowie Aufzeigen ihrer Gleichwertigkeit zu ihren männlichen Kollegen.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Wir werden jetzt wieder aus Norwegen zurück nach Singapur ziehen und ich werde mich nochmals beruflich verändern. Es bleibt spannend! Mit meinem eigenen Label www.vitoriajohansson.com mache ich meine Leidenschaft zum Beruf. Kleider designen und Frauen bei Ihrem Erfolg unterstützen! Vitoria Johansson – It’s your time…!

Herzlichen Dank für das spannende Interview und alles Gute für Ihre Zukunft.

Unterstützer
Das Projekt wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landes Baden-Württemberg unterstützt.