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HongHong Xu: "In China kann man offen fragen, wie viel jemand verdient."

Honghong Xu kam für ihr Studium nach Deutschland und blieb – auch weil sie in einem Großkonzern eine gute Stellung bekam. Nichtsdestotrotz gibt es mit Blick auf das Berufsleben viele Aspekte, die sie an ihrer Heimat China zu schätzen weiß: Die Flexibilität, das andere Rollenverständnis von Mann und Frau und die Offenheit. Heute sieht sich Honghong Xu als Vermittlerin zwischen beiden Kulturen. Warum mehr Cultural Awareness auch Frauenkarrieren zu Gute kommt, erklärt sie im Gespräch mit Spitzenfrauen BW.


Liebe Frau Xu, bitte stellen Sie sich unseren LeserInnen kurz vor.

Seit Oktober 2019 bin ich selbstständig und habe meine eigene Firma gegründet, die "Peking-Bridge". Ich will eine Brücke bilden zwischen Europa und meiner Heimat China. Ich bin in Beijing geboren und vor über 30 Jahren nach Deutschland gekommen für ein Ingenieursstudium an der TU Darmstadt. Bei der BASF habe ich dann eine gute Stelle bekommen. Allerdings habe ich mich nach kurzer Zeit vom Ingenieursberuf getrennt, weil ich Interesse am Marketing und der Zusammenarbeit mit Menschen hatte. Ich habe dann berufsbegleitend studiert und insgesamt 24 Jahre in verschiedenen Positionen bei der BASF gearbeitet, sowohl im technischen als auch im Marketingbereich. Zwischen 2011 und 2015 war ich als Delegierte in Hongkong tätig, wo ich eine Organisation für Knowledge Management in Asien aufgebaut habe. Die Erfahrung in Hongkong war für mich sehr prägend. Nach fast 24 Jahren habe ich auch gemerkt, dass ich eine sehr gute Brücke bin zwischen den beiden Kulturen - zwischen China und Europa. Aus diesem Grund habe ich mich letztes Jahr dazu entschieden, mich selbstständig zu machen.

Was waren das für prägende Erfahrungen in Hongkong?

Da ich diese Auslandserfahrung in der gleichen Firma gemacht habe, würde ich zunächst sagen, dass da eine gewisse Kulturbeständigkeit da war. Das Unternehmen hat eine lange deutsche Geschichte, aber auch eine sehr lange internationale Geschichte. Dementsprechend war die Unternehmenskultur in China bzw. Hongkong und in Deutschland ähnlich. Trotzdem habe ich nach ein paar Wochen gemerkt, dass man weit weg vom Head Quarter viel mehr Entscheidungsfreiheiten hat. Diese Freiheiten sind für mich ein entscheidender Punkt, um selbstbewusstes und unternehmerisches Denken umzusetzen. Man ist nicht mehr so stark an Prozesse und Genehmigungen gebunden, kann Ideen schneller umsetzen und die eigenen Fähigkeiten besser einsetzen, was wiederum Anerkennung bringt. Das war sehr motivierend und inspirierend für mich.

Welche Unterschiede sind Ihnen noch aufgefallen?

Ein weiterer Unterschied zwischen China und Deutschland ist, dass es in China keine strenge Trennung zwischen Privat- und Arbeitsleben gibt. Man sieht in Asien häufig, dass  manche Menschen sehr lange arbeiten. Es kann aber auch sein, dass sie lange Mittagspause machen. In China kann eine Mittagspause zwei Stunden dauern, in denen man auch mal nach Hause gehen, dort essen oder nach den Kindern schauen kann, wenn man in der Nähe wohnt. Dann geht man zurück zur Arbeit und bleibt dort bis abends. Nach der Arbeit kommt es auch mal vor, dass man im Kollegenkreis in eine Karaoke-Bar geht und dort noch ein paar Stunden verbringt. Das baut Beziehungen und Vertrauen auf: Denn Beziehungen basieren nicht nur auf gemeinsamer Arbeit und Zahlen und Fakten, sondern auch auf gemeinsamen Unternehmungen nach der Arbeit. In China sind diese Beziehungen sehr wichtig.

Wie sind die Karrierechancen von Frauen in China im Vergleich zu Deutschland?

Mit der Entstehung des neuen China 1949 wurde von der kommunistischen Partei angeordnet, dass Männer und Frauen gleich sind. Das heißt, dass sie gleiche Berufe ausüben können. Frauen und Männer können z.B. gleichermaßen Piloten oder Lokomotivführer sein. Das hat die chinesische Kultur stark geprägt. Man denkt erst gar nicht an die Geschlechterunterschiede, wenn man eine Führungskraft ist. Was zählt, ist die Leistung - wenn die stimmt, kann auch gefördert werden. Allerdings gibt es auch in China weniger Frauen als Männer auf der Leitungs- und Vorstandsebene. Auf der mittleren Managementebene gibt es hingegen viele Frauen und auf jeden Fall mehr Frauen als in Deutschland.

Woran liegt das?

In Deutschland ist das kulturell einfach anders. Wenn ich mich mit deutschen Frauen unterhalte, habe ich häufig Sätze gehört wie "Wenn das mit der Karriere nicht klappt, dann konzentriere ich mich auf die Familie." Wenn das geht, ist das natürlich toll, aber dann kann man auch nicht erwarten, dass man die gleichen Chancen bekommt. In China gibt kein Entweder-oder. Im Unterschied zu Deutschland gibt es keine dreijährige Babypause. Wer sich entschieden hat zu studieren, macht das nicht, um dann drei Jahre zu Hause auf die Kinder aufzupassen. Stattdessen organisiert man in China die Kinderbetreuung auf anderem Wege, zum Beispiel über die Großeltern. Auch hier ist man einfach flexibler: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg - das ist sehr typisch in China. Die Denkweise ist einfach anders.

In der Babypause gibt es auch keine Vertretung, sodass man sich danach keine neue Stelle suchen muss. In Deutschland ist der Wiedereinstieg vergleichsweise sehr schwierig. Da die Entwicklungen in der Arbeitswelt immer schneller werden, wird er in Zukunft noch schwieriger: Nach drei Jahren ist man quasi raus aus dem Arbeitsmarkt.

In China ist es selbstverständlich ist, dass Frauen und Männer dieselben Berufe ausüben. Wie haben Sie das in Deutschland erlebt?

Dass Frauen weniger berufliche Chancen in Deutschland haben, habe ich tatsächlich erst durch andere Kolleginnen erlebt. Allerdings habe ich mich auch gefragt, warum Frauen so lange Babypausen machen. Ich selbst habe ein Jahr Pause gemacht, weil ich nicht das Selbstbewusstsein hatte, direkt zurückzukehren, und testen wollte, wie das alles funktioniert. Als ich zurückkam, habe ich direkt gemerkt, dass ich schon etwas verpasst habe. Die Babypause ist und bleibt der Knackpunkt. Vielleicht haben wir durch Corona und die damit verbundene Digitalisierung die Chance, eine andere Arbeitsweise zu erlernen, durch die die Kinderbetreuung anders gestaltet werden kann. Flexibilität ist gefragt!

Was ich auch erst später bemerkt habe, sind die Gehaltsnachteile von Frauen. Erst als ich Freundschaften geschlossen und im Privatgespräch mal nach dem Gehalt gefragt habe, habe ich festgestellt, dass Männer öfter ein höheres Gehalt als Frauen erhalten. In Deutschland ist das Thema Gehalt ja ein Tabu. In China kann man offen fragen, wie viel jemand verdient.

Wie ist es um die Diversität in deutschen Unternehmen bestellt?

Was die Diversität angeht, sind in Deutschland mittlerweile recht viele verschiedene Nationalitäten vertreten. In den Unternehmen arbeiten Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen. Das ist für die Führungskräfteentwicklung eine Herausforderung. Als ich vor 20 Jahren angefangen habe, gab es noch sehr wenige Ausländer im Unternehmen. Damals hat man diese kulturellen Unterschiede gar nicht so wahrgenommen, man wusste auch nicht über die Arbeitskultur in China Bescheid. Die Annahme war einfach, dass ich mich, wo ich schon Deutsch spreche, auch entsprechend deutsch verhalte.

Heutzutage würden darüber viele Menschen lachen. Inzwischen wissen wir, dass die Kultur eine wichtige Rolle spielt und dass Menschen die Chance haben müssen, ihre Ursprungskultur auszuleben.

Das heißt, das Individuum gerät mehr in den Fokus?

Wenn man die Unterschiede im Blick hat, lernt man auch, wie man davon profitieren kann. In China ist es beispielsweise üblich, das Führungskräfte bei guter Arbeit auf die Person zugehen und ihr positives Feedback geben oder eine Beförderung anbieten. Die Beziehung erinnert ein Bisschen an die zwischen Eltern und Kind, die Mitarbeitenden werden gefördert und unterstützt.

In der deutschen Arbeitskultur ist man eher auf sich gestellt: Man sollte sich in bestimmten Meetings zeigen, auf eine bestimmte Art und Weise präsentieren, eine klare Message senden und so weiter. Diese Verhaltensweisen findet man in China nicht so häufig, man spricht auch weniger. Wenn man spricht, ist man sehr höflich und achtet immer darauf, dass niemand verletzt wird. Das wirkt das deutsche Umfeld so, als hätte die Person keine eigene Meinung oder keine Ahnung, gute Arbeit wird dann gerne übersehen. So bergen kulturelle Unterschiede Frustrationspotenzial. Wer diese kennt, kann gegensteuern. Damit schafft man nicht nur Diversity, sondern auch Inklusion.

Kann das auch helfen, Frauenkarrieren zu fördern?

Ich bin der Meinung, dass man in Deutschland mittlerweile Diversity geschaffen hat, dass aber an der Inklusion noch intensiv gearbeitet werden muss. Das ist wichtig, um sowohl für Frauen als auch für ausländische Führungskräfte Raum zu schaffen.

Was können wir in Deutschland beim Blick nach China lernen?

Auf jeden Fall Cultural Awareness. Erst wenn man kulturelle Unterschiede anerkennt, kann man lernen, von der anderen Kultur zu lernen und zu profitieren. Auch Flexibilität und die Wertschätzung durch das Netzwerk sind sehr wichtig. China hat sich durch Flexibilität, schnelle Anpassung und kurze Entscheidungsprozesse im Bereich der Digitalisierung so schnell entwickelt, dass es mittlerweile eine Vorreiterrolle einnimmt.

Flexibilität bedeutet dabei auch, dass man sich Fehler erlaubt und dann einen neuen Versuch startet. In Deutschland wartet man drei Jahre lang auf eine Genehmigung, um dann festzustellen, dass die Idee nicht der Hit ist. Diese Vorsicht hindert zusammen mit einem sehr starren Rahmen meiner Meinung nach die Entwicklung in Deutschland. Man sollte auch mal über den Tellerrand schauen.

Fallen Ihnen denn konkrete Maßnahmen ein, mit denen man in Unternehmen die Cultural Awareness fördern könnte?

Das Thema Cultural Awareness muss auf jeden Fall Chefsache sein. Wenn die Führungskräfte eine gewisse Kulturbewusstheit haben und sich entsprechend verhalten, dann wird das gesamte Team nachziehen und die Kulturintegration geht viel schneller. Wichtig sind auch Events zum Austausch, bei denen alle Führungskräfte des Konzerns voneinander lernen können. Seminare alleine reichen nicht, man muss Cultural Awareness wirklich leben. Das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Vielen Dank für ihre interessanten und vielfältigen Einblicke!

Unterstützer
Das Projekt wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landes Baden-Württemberg unterstützt.