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Hanna Hahn: Karriere in den Untiefen der Europäischen Kommission

Ihre Abenteuerlust zog Hanna Hahn direkt nach dem Abitur ins Ausland. Nach Stationen in Frankreich und Australien kehrte sie für ihr Studium zurück nach Deutschland. Doch in ihrer Heimat hielt es sie nicht lange. Stattdessen führte sie ihr Karriereweg nach Belgien, wo sie nicht nur erste Einblicke in die Rieseninstitution EU-Kommission erhielt, sondern auch die Besonderheiten des Königreichs Belgien kennen und schätzen lernte. Über einen weiteren Zwischenstopp in Deutschland geriet sie in die stürmischen Gewässer der Männerdomäne EU-Fischereipolitik, in der sie sich mit Verhandlungsgeschick und Kompetenz gegen so einige Widerstände durchsetzte.

Hanna Hahn in Schengen

 

Liebe Frau Hahn, bitte stellen Sie sich unseren Lesern kurz vor.

Ich bin in Tübingen aufgewachsen, wo ich bis zum Abitur gelebt habe. Schon damals verspürte ich einen starken Freiheitsdrang, ich wollte weg. Nach der Schule habe ich dann ein Freiwilliges Soziales Jahr in Frankreich gemacht und war später für einen Work & Travel-Aufenthalt in Australien – so habe ich die Sprachen gelernt. Ich habe Kulturwissenschaften in Hildesheim studiert und war Stipendiatin der Hochschule Saarbrücken, was mir ein bilinguales Studium ermöglichte. Das hat mich auch nach Marseille und Aix-en-Provence geführt. Nach meinem Abschluss hatte ich zwei Schwerpunkte: zum einen die Kulturvermittlung in der Psychiatrie, zum anderen gab es die internationale Schiene.

 

 

Wie kamen Sie zur EU-Kommission?

Damals war der Lissabon-Vertrag ein großes Thema, das mein Interesse an der EU weckte. Außerdem hatte ich eine Kommilitonin, deren Eltern in Brüssel tätig waren. So kam es, dass ich mich für das Traineeprogramm der Europäischen Kommission beworben habe – ein aufwendiges Verfahren. Ich kam auch eine Runde weiter und ergatterte letztendlich einen Praktikumsplatz in der Presseabteilung in der Generaldirektion für Landwirtschaft der EU-Kommission. Von Anfang an war ich fasziniert von der Arbeit in dieser Rieseninstitution und mit Kolleginnen und Kollegen, die die unterschiedlichen Nationalitäten und Sprachen mitbrachten.

Wie ging es dann nach dem Praktikum weiter?

Noch während des Praktikums habe ich mich bei der Deutschen Botschaft beim Königreich Belgien beworben, wofür ich mir zusätzlich Kenntnisse des Niederländischen angeeignet habe. Die Mühe hat sich gelohnt, ich bekam einen Job im Bereich Presse und Kultur, dort habe ich viel Eventmanagement gemacht. In dieser Zeit habe ich tiefe Einblicke bekommen, über das Land Belgien und wie die bilateralen - speziell die deutsch-belgischen - Beziehungen funktionieren. Das war sehr spannend. Doch kurz nachdem ich die Stelle angetreten hatte, wurde ich schwanger.

War Ihre Schwangerschaft eine Herausforderung in dieser Situation des Jobwechsels?

Ja, denn leider kam meine Schwangerschaft beim deutschen Botschafter nicht gut an. Ich bekam auch mit, wie hinterrücks über andere Frauen gesprochen wurde, die wegen der Kinder oder schwangerschaftsbedingt ausgefallen sind. Es war eine harte Zeit für mich. Doch ich war auch sehr ehrgeizig und habe mich gleichzeitig für die Aufnahmeprüfung (‚Concours‘) zum Auswärtigen Dienst der EU vorbereitet.

Das heißt, Sie hatten bereits den nächsten Karriereschritt im Visier?

Ja, doch dann kam erst einmal unser Kind und ich ging zurück nach Deutschland, um mit meinem Partner zusammen zu sein. Damals war ich 27, wieder auf dem Land und dachte, meine Karriere sei vorbei. Ich habe mich zwar für viele Stellen und auch ein Promotionsstipendium beworben und Einladungen zu Vorstellungsgesprächen erhalten. Doch sobald das Thema Kind zur Sprache kam, waren diese Gespräche, zumindest in meiner Wahrnehmung, oft gelaufen.

Irgendwann gab es dann eine Ausschreibung des Landwirtschaftsministeriums, in der explizit EU-Concour-AbsolventInnen gesucht wurden. Da ich die Prüfung bestanden hatte, bewarb ich mich und habe den Job bekommen. Ein gutes Jahr arbeitete ich in Bonn als Referentin im Bereich Fischerei und Meeresschutz. Dort wurde ich sehr von meinem Referatsleiter gefördert und machte die ersten Erfahrungen in der internationalen Politik. Im Juni 2011 kam dann der Job bei der EU-Kommission. In der Generaldirektion für Fischerei war ich im Mittelmeer-Referat für den roten Thunfisch zuständig. Das war eine sehr spannende, sehr herausfordernde Zeit.

Der Lissabon-Vertrag weckte Frau Hahns Interesse in die EU.
Die einen sehen Thunfisch, die anderen "schwimmendes Gold": In Japan wird die Delikatesse zu Rekordpreisen gehandelt

Worin lagen die besonderen Herausforderungen?

In der EU-Kommission wehte ein ganz anderer Wind und die Fischereipolitik ist ein hochbrisantes Pflaster: Auf der einen Seite sind da die Umweltorganisationen, die einen kompletten Stopp der Fischerei auf roten Thun fordern. Auf der anderen Seite steht die Industrie, die ihr "Gold" abfischen möchte.

Bei dieser Gemengelage ist es schwierig eine vernünftige Fischereipolitik zu machen. Das erfordert eine sehr enge Abstimmung und eine akribische Vorbereitung jedes einzelnen Schrittes. Die Fischerei ist zudem stark männlich dominiert. Wenn ich mir heute die Bilder von damals ansehe, dann sehe ich darauf viele Männer im schwarzen Frack - und mich zwischendrin, in einer roten Bluse. 

Auf welcher Hierarchieebene war Ihre Tätigkeit bei der EU-Kommission angesiedelt? 

Mein Job war vergleichbar mit einer Referententätigkeit in Deutschland, circa auf der dritten Hierarchieebene. Über mir war der Referatsleiter, darüber der Abteilungsleiter (“Director“) und darüber kommt der Kommissar. Auf Dienstreise war ich Teil der Delegation und vertrat die EU im Plenum, wenn es um meinen Bereich ging: Fischereikontrolle und die Einhaltung von Fischereiregelungen. 

Wie war das Arbeitsklima bei der EU-Kommission – speziell für Sie als Frau?

Ich bin in einem sehr liberalen Haushalt aufgewachsen und grundsätzlich konsensorientiert. Ich kann mich eigentlich gut in Hierarchien einordnen. Doch in der EU-Kommission war meine persönliche Schmerzgrenze hin und wieder erreicht – vielleicht hat das auch mit den Besonderheiten der Mittelmeer-Abteilung zu tun. Es ging eben nicht nur ums Fachliche, sondern oftmals darum, wer das letzte Wort hat. Ein Beispiel: Meine Aufgabe war es damals, die Fischereiquoten zu überwachen. Das beinhaltete auch die Vorbereitung von Schließungen ganzer Fischereien per EU-Erlass für den Fall, dass ein Mitgliedstaat seine Quote nicht einhält – eine hochsensible Angelegenheit. Bei einem solchen Vorgang dürfen keine Fehler passieren, da sich die EU-Kommission sonst angreifbar macht und vom betroffenen Mitgliedsland verklagt werden kann.

Das klingt herausfordernd - doch Sie konnten sich in der Männerdomäne behaupten. Das war sicher nicht immer einfach?

Durchaus nicht: Ich kann mich noch an einen Fall erinnern, in dem ich alle entsprechenden Vorbereitungen getroffen hatte. In der Sitzung unterschrieb einer nach dem anderen die Unterlagen - nur mein Chef verweigerte seine Unterschrift. Seiner Meinung nach sollte ein inhaltlicher Punkt entfernt werden. Als ich ihn fragte, warum ich etwas ändern solle, das alle anderen am Tisch abgesegnet hätten, war seine Begründung: "Because I’am the boss.". Bei ihm, einem Südeuropäer, war ich nie wirklich aus der Schusslinie.

Einmal bat ich ihn um ein Gespräch. Er empfing mich mit Füßen auf dem Tisch und am Handy spielend und ließ mich eine Weile warten. Er hatte wohl damit gerechnet, dass ich wegen einer anderen fachlichen Unstimmigkeit Tacheles mit ihm reden wolle und sich entsprechend in Stellung gebracht. Stattdessen eröffnete ich ihm meine erneute Schwangerschaft. Da fiel ihm buchstäblich die Kinnlade runter und ich glaube, er schämte sich etwas für sein Verhalten. Jedenfalls war er in den Schwangerschaften mir gegenüber immer plötzlich sehr kooperativ und aufmerksam.

Ich hatte in meiner Zeit bei der EU aber auch andere Vorgesetzte, mit denen ich sehr gut und vertrauensvoll zusammenarbeitete. Eine gewisse Distanz und ein großes Konkurrenzdenken konnte ich unter den KollegInnen jedoch immer beobachten.

Haben Sie noch weitere Karriereschritte in der EU gemacht?

Nein, in der Zeit bei der EU-Kommission habe ich zwar fachlich immer mehr Verantwortung übernommen, hatte aber keine Chance, beispielsweise Referatsleiterin zu werden.

Ich habe beispielsweise die EU beim internationalen Prüfungsausschuss Fischerei vertreten. Ein internes Privileg für meine Position war auch, dass ich in Gesetzesänderungsverfahren, die ich leitete, selbstständig mit dem juristischen Dienst kommunizieren durfte und bis zur Abstimmung allein die EU-Ratsverhandlungen bestritt.

 

 

Frau Hahn, Sie haben durch Ihre beruflichen Tätigkeiten eine doppelte Perspektive, einmal die EU-Kommission und einmal das Königreich Belgien. Wie funktioniert Karriere bei der Institution EU-Kommission und gibt es dabei Unterschiede für Frauen in Deutschland und Belgien?

 

Da wir viele belgische Freunde und Nachbarn hatten, habe ich die Unterschiede zwischen Deutschland und Belgien hautnah mitbekommen. Praktisch alle meine belgischen Freundinnen haben gearbeitet, und das in der Regel Vollzeit. Der reguläre Wiedereinstieg nach der Geburt erfolgt in Belgien nach drei Monaten, so ist es gesetzlich geregelt. Nur mit einem ärztlichen Attest, das belegt, dass man weiterhin stillt, kann die Frau für weitere drei Monate zu Hause bleiben - auf eigene Kosten wohlgemerkt. Schon fast lustig war: Ich konnte durch meine Tätigkeit für die EU-Kommission fünf statt nur drei Monate Mutterschutz nehmen. Darum haben mich die Belgierinnen beneidet und die Deutschen bedauert, da den Deutschen die Zeit so kurz vorkam.

Ich muss aber sagen, dass es mich nach einigen Monaten auch wieder zurück ins Büro zog, mir fiel daheim einfach die Decke auf den Kopf. Es war toll die Freiheit und Möglichkeit zu haben, das dann auch zu tun. Niemand in meinem (Arbeits-)umfeld hätte jemals auch nur kommentiert, geschweige denn mir ein schlechtes Gewissen dafür gemacht, dass ich (in Vollzeit) arbeiten ging. Allerdings waren meine Vorsätze, weniger zu arbeiten, auch bald wieder dahin und ich kam mit der Doppelbelastung immer wieder an meine Grenzen.

Das heißt also Sie haben klare kulturelle Unterschiede zwischen beiden Ländern wahrgenommen. Erzählen Sie uns noch mehr über die gesellschaftlichen und/oder politischen Strukturunterschiede.

In Belgien sagt man: "Jeder Belgier ist mit einem Stein im Bauch geboren." Das heißt, Belgier wollen ein Haus bauen oder kaufen, nicht mieten. Unter anderem um sich dieses Lebensziel leisten zu können gehen in der Regel beide arbeiten. Mindestens genauso wichtig ist aber die kulturelle Komponente: Belgier haben eine andere Einstellung zur Kinderbetreuung: Es ist normal, dass ein Kind mit ein paar Monaten in die "Creche" (die Krippe) kommt. Die Idee der Eingewöhnungszeit gibt es dort beispielsweise gar nicht. Das Kind wird abgegeben "wie an einem Bankschalter" - so dachte ich manchmal. Es bleibt einem gar nichts anderes übrig als zu vertrauen, dass es schon gut gehen wird. Und das tut es in der Regel auch!

Die Betreuung für die ersten zweieinhalb Jahre ist auch in Belgien teuer, ein Platz kostet zwischen 500 und 800 Euro im Monat. Dieser Preis wird in Kauf genommen und von den Familien bezahlt – damit die Frau Ihren Arbeitsplatz behält. Von der Krippe kommt das Kind dann nach zweieinhalb Jahren direkt in die Vorschule. Dort ist es jeden Tag bis 15h30, anschließend gibt es bei Bedarf die "Garderie" bis 18h. Fast alle nehmen Letztere in Anspruch. Mein Partner und ich haben uns auf dieses System eingelassen - ohne die Kinderbetreuung und meinen Partner hätte ich meine Stelle gar nicht ausfüllen können. Er hat die Kinder immer um 15h30 abgeholt und sich um Erziehung und Haushalt gekümmert.

Außerdem hat fast jede Familie in Belgien eine Haushaltshilfe - das wird sogar vom Staat subventioniert über ein spezielles Schecksystem. Als wir dieses System nach dem zweiten Kind in Anspruch genommen haben, war das eine große Erleichterung für mich. Die wenigen deutschen Freunde, die wir in Belgien hatten, waren hingegen oftmals in der klassischen Rollenverteilung: Der Mann arbeitet voll, die Frau macht den Haushalt. Oftmals ist ja die Karriere des Mannes der Grund für den Umzug.

Hanna Hahn auf dem Podium zur Verteidigung der EU im Internationalen Prüfungsausschuss, wo kontrolliert wird, ob die Vertragsstaaten die Internationalen Fischereikontrollen einhalten.
Kontrolle der Fänge: Der Transfert der Fische wird gefilmt und die Fische werden dabei einzeln gezählt.

Würden Sie sagen, dass Sie als Frau in der EU-Kommission die gleichen Aufstiegschancen hatten wie Ihre männlichen Kollegen?

Ich kann auf jeden Fall sagen, dass ich um mich herum sehr viele Frauen erlebt habe, die Karriere gemacht haben. Von diesen weiblichen Vorbildern konnte ich mir viel abschauen. Zum Beispiel gab es eine französische und eine italienische Direktorin, die ich beide sehr bewundert habe. Frauen bekommen zudem das gleiche Gehalt wie ihre männlichen Kollegen, in der EU-Kommission gibt es diesbezüglich totale Gleichberechtigung. In Deutschland werde ich wie ein Single besteuert, weil mein Partner und ich nicht verheiratet sind. Bei verheirateten Paaren wird das Hauptverdienermodell steuerlich ja erst recht gefördert. In der EU-Kommission gibt es diese Unterschiede nicht.

Von meinem italienischen Vorgesetzten würde ich allerdings behaupten, dass es meine männlichen Kollegen leichter hatten. Es kam anfangs vor, dass ich in entscheidende Besprechungen nicht mitgenommen wurde. Er hat mich auch durch zweideutige Sprüche immer wieder verunsichert, das blieb meinen männlichen Kollegen erspart. Allerdings schätzte er wohl meine Arbeit denn er hat mir einen überdurchschnittlich langen Vertrag ausgehandelt. Wie er das geschafft hat, weiß ich bis heute nicht.

Das heißt also, es gab in der EU Behörde keine wirkliche Transparenz bezüglich der Karrierestrukturen?

Nein, transparent waren die Karrierestrukturen sicher nicht. Da ich nicht verbeamtet war, blieben mir zudem bestimmte Karriereoptionen verschlossen. Es gibt in der EU-Kommission sozusagen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, dadurch waren meine Karrieremöglichkeiten von Anfang an begrenzt.

Letztendlich haben Sie der EU-Kommission und Belgien dann wieder den Rücken gekehrt. Wie kam es dazu?

Nach der Geburt meines dritten Kindes im Jahr 2015 habe ich gespürt, dass ich etwas verändern muss. Die Dauerbelastung all der Jahre zehrte an mir und ich sah die Kinder definitiv zu wenig. Auch mein Partner signalisierte mir, dass er auf Dauer nicht mehr den Hausmann spielen wolle, was ich gut verstehen konnte: ich hatte mich selbst ja dieser Rolle stets verweigert. Stattdessen liebäugelte er damit das Café meiner Großtanten wieder flott zu machen.

Es fiel mir nicht leicht meine Zeit in Brüssel zu beenden. Ich hatte mir viel erkämpft und war stolz auf das Erreichte. Trotzdem war der Plan das Haus zu übernehmen und etwas Eigenes aufzubauen sehr verlockend. Auch unserer Kinder in der Nähe der Großeltern zu wissen, war ein schöner Gedanke. Allerdings ist mein Vater noch während der Renovierungsarbeiten und mitten in den Umzugswirrungen 2016 gestorben. Ich war danach erst mal am Ende meiner Kräfte und nicht in der Lage mir sofort wieder eine Arbeit zu suchen, obwohl das mein erklärtes Ziel war. Inzwischen hatten wir aber einen Cafébetrieb und drei Kinder – die alle in der Regel um 13h zu Hause sind. Ein Vollzeitjob ist unter diesen Umständen schwer realisierbar. Ich habe die Zeit aber genutzt und eine Fortbildung gemacht, um mich zur Expertin für Aquise von EU-Fördermitteln weiterzuentwickeln.


Wie verlief der Berufseinstieg in Deutschland?

Als ich mich wieder auf dem Arbeitsmarkt umsah merkte ich schnell, dass es nicht einfach werden würde auf vergleichbarer Position wieder einzusteigen: Für Referatsleitungspositionen oder auch Referentenposten im öffentlichen Dienst ist fast immer eine juristische oder Verwaltungs-Ausbildung erforderlich, die ich nicht vorweisen kann. Ich hatte einige Vorstellungsgespräche, aber die Stellen waren alle sehr unflexibel, es gab zum Beispiel keine Option auf Homeoffice oder Teilzeit. Für andere Stellen war ich überqualifiziert.

Inzwischen arbeite ich beim Landratsamt als Flüchtlingsbeauftragte und habe eine 60-Prozent-Stelle. Das ist von der EU-Kommission aus gesehen weit unter meinem letzten Karrierelevel. Ich muss aber sagen, dass meine Tätigkeit für mich inhaltlich eine sehr spannende Erfahrung ist – außerdem erhalte ich für meine Arbeit und mein Engagement viel Anerkennung von meinen Vorgesetzten. Ich habe inzwischen auch Angebote für besser dotierte Stellen erhalten und bin mittlerweile wieder sehr zuversichtlich was meine berufliche Zukunft in Deutschland angeht.

Was wäre Ihr Appell an all die Frauen, die Karriere machen möchten?

Ich möchte allen Frauen eigentlich zwei Dinge mit auf den Weg geben:

  1. Schluss mit den vielleicht gut gemeinten, aber zermürbenden Kommentaren und Nachfragen hinsichtlich der Kinderbetreuung - als ob es keine Väter gäbe! Es geht in die Richtung: "Ach, so klein und schon in der Krippe. Das hätte ich ja nie gemacht". Ein anderer typisch deutscher Spruch: "Ich habe doch keine Kinder bekommen, um Sie von anderen Leuten erziehen zu lassen". Arbeitende Männer sind diesem Rechtfertigungsdruck nicht ausgesetzt. Kommentare dieser Art kommen in der Regel von Frauen - so erlebe ich das zumindest hier auf dem Land bei Tübingen wo immer noch erwartet wird, dass Mütter bei ihren Kindern bleiben, den Haushalt machen und allenfalls noch etwas "dazuverdienen". Es liegt an uns Frauen diesen Kreislauf zu durchbrechen und uns gegenseitig darin zu unterstützen.
  2. Traut Euch zu delegieren und loszulassen! Das ist nicht einfach in einem Land wo schon allein dem Begriff der "Fremdbetreuung" ein Makel anhaftet. Es gibt aber so viele Arten wie Kinder groß werden - es lohnt sich zu vertrauen. Keine Scheu vor Putz- oder Haushaltshilfen, es ist das Geld allemal wert! Verlangt Euren Männern etwas ab, was die Erziehung der Kinder und den Haushalt angeht. Das bedeutet auch, dass man sich zurückhält. Man muss den anderen machen lassen. Am besten gelingt das, wenn man das Haus verlässt - und arbeiten geht. Und das möglichst lange.

Gibt es auch etwas, das Unternehmen oder Institutionen in Deutschland ändern könnten, um mehr Frauen in Führung zu bringen?

Ich kann diese Frage nur vor dem Hintergrund meiner Erfahrung in der politischen Verwaltung beantworten: Es hängt in Deutschland derzeit noch zu vieles am Abschluss, zu wenig wird auf Erfahrung und Fähigkeit geschaut. Nicht Juristin oder Verwaltungswirtin zu sein ist in vielen Bereichen der öffentlichen Verwaltung ein Hindernis für den Karrieredurchbruch oder eine Verbeamtung. Ich kenne Frauen in der öffentlichen Verwaltung, die aus diesem Grund nebenher noch ein Studium der Verwaltungswissenschaften draufsatteln. Sowas zieht sich Jahre und Familienplanung ist damit erst mal auf Eis gelegt. In meinem Studiengang der Kulturwissenschaften waren wir über 90% Frauen - in diesem Kontext kein smarter Schachzug.

In der EU-Verwaltung gibt es Aufnahmeprüfungen. Das ist eine Hürde - die aber jeder, gleich welchen Abschlusses, nehmen muss. Wenn ich diese Hürde genommen habe und eine Stelle habe, zählt aber die Leistung für mein Fortkommen und meine Verbeamtung. Ich kann auch zwischen den Fachbereichen wechseln. Keiner fragt mehr nach dem Abschluss, es zählen Motivation, Erfahrung und Fähigkeit. Die starre Fixierung auf Abschlüsse, die strikten Qualifizierungsrahmen für Stellenausschreibungen - all das müsste in Deutschland und speziell in der Verwaltung aufgelockert werden.

Herzlichen Dank für das erkenntnisreiche Gespräch und weiterhin viel Freude an Ihrer Arbeit.

 

 

Unterstützer
Das Projekt wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landes Baden-Württemberg unterstützt.