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Cornelia Hildebrandt: Ein globaler Blick über den Tellerrand

Als Ingenieurin hat Cornelia Hildebrandt die Chance genutzt Karriere zu machen und dabei die Welt zu erkunden. Nachem sie praktisch einmal um die Welt reiste, fand sie schließlich im Schwabenländle ihre Heimat. Das war nicht immer einfach für die gebürtige Mecklenburgerin, doch der globale Blick über den Tellerrand lohnt sich. Was wir mit Blick auf Frauenkarrieren schon im Vergleich innerhalb Deutschlands lernen können und wo Frauen auch in technischen Berufen keine Seltenheit sind, erzählt sie im Interview mit Spitzenfrauen BW.


Liebe Frau Hildebrandt, dürfen wir Sie bitten sich kurz vorzustellen?

Ich bin Diplom-Ingenieurin für Verarbeitungs- und Verfahrenstechnik und habe einen MBA für internationales Marketing absolviert. Heute bin ich Head of Sales bei einem mittelständischen Maschinen- und Anlagenbauer und Mutter zweier Söhne. Ursprünglich komme ich aus den neuen Bundesländern. Als es dann möglich war, habe ich angefangen, die Welt zu entdecken und dabei mein berufliches Profil geschärft.

Wo hat Sie es hingezogen?

Schon während des Studiums habe ich mehrere Praktika gemacht, in Wien und in den Niederlanden. Meine Diplomarbeit habe ich in Chile geschrieben. Als ich dann nach Deutschland zurückgekommen bin, habe ich erstmal in einem Forschungsinstitut für Holztechnik gearbeitet. Parallel habe ich im akademischen Auslandsamt der TU Dresden gearbeitet, weil mich das Internationale so interessiert hat. Vor über 20 Jahren kam ich dann als junge Diplomingenieurin ins ‚Schwabenländle‘. Die ersten fünf, sechs Jahre war ich beruflich viel im Ausland unterwegs, um die Maschinen und Anlagen der Firma technologisch in Betrieb zu nehmen. Deswegen habe ich eher einen globalen Blick: Ich habe nicht mehrere Jahre am Stück an einem Ort gelebt, sondern jeweils mehrere Monate an vielen unterschiedlichen Orten verbracht: in Italien, England, Frankreich, Polen, Griechenland, Mexiko, Kanada, und zweimal in den Südstaaten der USA. Kürzere Einsätze führten mich auch in die Türkei, Russland und Malaysia.

Ein bunter Strauß an Einsatzländern – das war sicher spannend!

Auch als ich die Chance hatte ein Sabbatical zu machen, bin ich mit meinem Mann ein paar Monate durch Chile, Argentinien und Mexiko gereist. Zurück in Deutschland kam dann Kind Nummer 1 und das mit dem Herumreisen war nicht mehr so leicht. Ich wollte das auch gar nicht mehr. Stattdessen habe ich einen berufsbegleitenden MBA im Internationalen Marketing gemacht, um meine internationale Erfahrung in einen Guss zu bringen, und bin in die Automobilindustrie gewechselt. Dort war ich als Key Account Managerin tätig. Als meine Kinder etwas älter waren, bin ich auch hier wieder unterwegs gewesen, allerdings eher tage- oder wochenweise. Kundengespräche führten mich u.a. nach China und Südostasien. Nach 10 Jahren in der Automobilbranche kehrte ich vor 2 ½ Jahren wieder als Vertriebsleiterin zurück zu meinem vorherigen Arbeitgeber, ein international agierender Maschinen- und Anlagenbauer in der Holzwerkstoffindustrie. Heute bin ich dort Head of Sales Organization.

Von Ihrer internationalen Erfahrung werden Sie uns heute berichten.

Insgesamt habe ich einiges an internationalen Einblicken gewinnen können und hatte das Glück, dass ich, wann immer ich irgendwo für längere Zeit war, auch Freundschaften knüpfen konnte. Das waren meistens Frauen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, und durch die ich auch über das Berufliche hinaussehen konnte, wie sie wirklich leben.

Kommen wir zum Kernthema: Welche Erfahrungen haben Sie im Ausland mit Blick auf Geschlechtergerechtigkeit und Frauenkarrieren gemacht?

Ein positives Beispiel sind die Niederlande. Mein Aufenthalt ist zwar schon etwas länger her, aber dort war es vor über 20 Jahren für Frauen schon kein Problem, Karriere und Kinder zu verbinden und überhaupt den Anspruch zu haben, Karriere zu machen und nebenbei auch eine Familie zu gründen. Eine meiner damaligen Kolleginnen war Bauingenieurin und hat sich damals beworben, als sie schwanger war. Sie hat die Stelle bekommen, obwohl klar war, dass sie nach der Entbindung erstmal zuhause bleibt, um sich um die Familie zu kümmern. Später kam dann auch ein zweites Kind dazu, das war nie ein großes Thema.

Auch die östlichen Länder sind Positivbeispiele. Ich hatte vor drei, vier Jahren ein großes Projekt in Polen. Dort ist mir aufgefallen, dass die Polinnen viel selbstverständlicher im technischen Bereich anzutreffen sind und auch in höheren Positionen. Ähnliches habe ich in Russland beobachtet. Auch in den USA ist es so, dass mehr Frauen in technischen Berufen und bis in die Managementpositionen anzutreffen sind. Als Ingenieurin war bzw. bin ich oft die einzige und erste Frau in meinem Umfeld gewesen.

Ihre Einsätze führten Cornelia an viele Orte der Welt, auch nach Asien
Als Frau in einer Männerdomäne - für die Ingenieurin kein Problem

Hat das auch etwas mit Ihrer persönlichen Sozialisierung zu tun?

Bezugnehmend auf meine eigene persönliche Sozialisierung kann ich sagen, dass wir Unterschiede innerhalb Deutschlands sehen. Ich selbst habe das sehr deutlich gespürt: Meine Mutter war immer berufstätig, meine Eltern sind beide Ingenieure und ich habe meine eigene Berufswahl des Ingenieursstudiums nie infrage gestellt oder mich gefragt, kann ich das? Oder geht Familie und Beruf? Für mich war klar, dass es geht: Ich hatte das Rollenvorbild meiner Mutter und von den Müttern meiner Freundinnen, die alle gearbeitet haben. Mit dem Thema der Vereinbarkeit habe ich mich erst hier in Süddeutschland auseinandergesetzt, als ich selbst Kinder bekommen habe. Da sehe ich auch heute noch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, wobei es sich so langsam auch in Westdeutschland ändert und die jungen Frauen das mehr und selbstverständlicher einfordern.

Gibt es neben den Positivbeispielen auch Negativbeispiele?

Insgesamt würde ich sagen, dass die Niederlande, Belgien, Skandinavien, USA und östliche Länder positive Beispiele sind. In Südamerika, Chile und Mexiko ist das nicht so einfach für Frauen. Wenn sie erfolgreich sind, dann sind es eher Frauen aus gut gebildeten Mittelschichtfamilien, die sich ein Hausmädchen leisten können, das den kompletten Haushalt schmeißt. Und trotzdem haben sie mit ganz vielen Rollenklischees und der Macho-Kultur zu kämpfen.

Wie wird in den Ländern, die Sie als positive Beispiele für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf genannt haben, die Kinderbetreuung geregelt?

Bei meiner holländischen Freundin habe ich wahrgenommen, dass sich auch der Mann engagiert hat. Das Thema hing nicht nur an ihr. Mein Eindruck ist aber auch, dass es dort zum Teil breitere und qualitativ hochwertige Kinderbetreuungsmöglichkeiten gibt. Hier in Deutschland gibt es noch Steigerungspotential. Meine Kinder sind jetzt 13 und 16 Jahre alt. Erst als mein zweites Kind geboren wurde, wurde in meinem Wohnort die erste und damals einzige Einrichtung eröffnet, welche Kleinkinder unter drei Jahren betreute. Dieses Ganztageskonzept hat mir sehr geholfen. Was qualitative und bezahlbare Betreuung sowohl im Kleinkindalter als auch im Schulalter angeht, können wir von anderen Ländern etwas lernen. Oft beginnt das Betreuungsproblem mit fehlender Nachmittagsbetreuung bzw. fehlenden Ganztagsangeboten für Schulkinder.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sehen sie also als Schlüsselfaktor für Frauenkarrieren?

Absolut! Ein wichtiger Punkt ist aber auch, dass in Deutschland zum Teil noch das Verständnis fehlt, dass Familie und Kinder ein Zugewinn sind und dass die Vereinbarkeit keine reine Frauensache, sondern ein gesellschaftliches Thema ist. In meinem Umfeld hier in Süddeutschland war ich seinerzeit nahezu die einzige Frau, die mit kleinen Kindern in Vollzeit wieder in den Beruf eingestiegen ist. Da hatte ich dann auch ganz ausgeprägt mit dem Thema der ‚Rabenmutter‘ zu kämpfen. Es wäre so viel hilfreicher, wenn wir uns gegenseitig unterstützen würden, anstatt uns an solchen Situationen zu reiben. Auch mein Mann war damals einer der ersten, der seine Arbeitszeit reduziert und Elternzeit genommen hat – und damit eine Ausnahmeerscheinung auf den Spielplätzen, in Pekip- und Schwimmkursen. Er war der ‚Quotenmann‘. Wir haben das nur geschafft, weil wir an einem Strang gezogen haben.

Was wir nicht vergessen dürfen, ist wie wichtig ein unterstützendes Umfeld ist. Und auch beruflich ist das ein Tipp für die Karriere. Sowohl Frauen- als auch andere berufliche Netzwerke, das Spitzenfrauennetzwerk – diese Netzwerke sind wichtig für den Austausch und die Unterstützung.

Vielen Dank, Frau Hildebrandt, das freut uns! In Polen haben Sie Frauen in Ihrem Bereich erlebt. Hat sich dadurch etwas für Sie in ihrer Arbeitsweise geändert, im Vergleich zum stark männerdominierten Umfeld in Deutschland?

Ich habe es immer sehr zu schätzen gewusst, bei meiner Arbeit andere Frauen zu treffen. Früher auf den Baustellen gab es keine Frauen und auch später waren sie meinem technischen Umfeld rar gesät. Ich habe das oft als anstrengend empfunden, weil ich als Frau immer erstmal unter Beweis stellen musste, dass ich meinen Job beherrsche. Sobald der Gegenwind ausgeräumt war, habe ich die Zusammenarbeit mit Männern immer sehr geschätzt.

Wenn eine Frau in einem Männerumfeld auf eine andere Frau trifft, ist da meistens eine ‚Chemie‘ da. Das Wissen, dass die andere wahrscheinlich ähnliche Probleme hat, verbindet, man arbeitet gemeinsam und kann sich gegenseitig unterstützen. Man kann sehr offen in den Austausch gehen: Wie machst du das? Welche Herausforderungen hast du? Wie hast du sie gemeistert? Man kann gemeinsam voneinander lernen, ohne sich beweisen zu müssen.

Was könnten wir in Deutschland tun, um mehr Frauenkarrieren zu ermöglichen? Das Thema Kinderbetreuung haben Sie bereits genannt. Gibt es noch etwas?

Meine Perspektive ist natürlich sehr stark durch eine männerdominierte Branche geprägt. In beiden Unternehmen, in denen ich tätig war, hatten wir einen Frauenanteil von ca. 15 Prozent. Und diese 15 Prozent haben nicht auf den leitenden Ebenen gearbeitet. Ich bin der Meinung, dass Diversität wichtig ist. So wie auch viele Untersuchungen bestätigen, dass Diversität für bessere Unternehmensergebnisse sorgt. Wenn wir mehr Frauen oder insgesamt mehr Diversität in einer Firma haben, das heißt andere Lebensmodelle, andere kulturelle Hintergründe, einen Generationen-Mix etc. dann profitieren alle davon. Es ist dann für ganz verschiedene Menschen einfacher, weil sie Rollenvorbilder in der Firma haben. Es bedarf der passenden Rahmenbedingungen, unter denen jeder Einzelne - egal ob Mann oder Frau - seine Fähigkeiten und Leistungen einbringen kann. Ich denke dabei an eine offene und wertschätzende Unternehmenskultur, Vereinbarkeit von Beruf und Leben, sowohl für Frauen als auch für Männer, flexible Arbeitszeitmodelle, Teilzeit und Führung in Teilzeit, Job Sharing bzw. Job Tandems und diese auch für Führungspositionen. Mobiles Arbeiten ermöglicht die vielfältigen Anforderungen besser unter einen Hut zu bekommen.

Gibt es zum Abschluss noch einen persönlichen Rat, den Sie Frauen in Deutschland mitgeben möchten?

Ich würde Frauen empfehlen, mehr Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Einerseits als Karrierekatalysator und um ihre Wettbewerbsfähigkeit im Sinne einer Absetzbarkeit zu fördern, andererseits, um die Dinge in Deutschland auch besser hinterfragen zu können und es nicht als selbstverständlich hinzunehmen, dass Frauen oftmals noch in zweiter Reihe stehen bzw. für gleiche Leistung nicht zwangsläufig die gleiche Bezahlung erhalten.

Was ich für mich gelernt habe, ist wirklich authentisch und empathisch zu sein. Das Zuhören, das Netzwerken, die Beziehungspflege, das Kommunikationsvermögen – all das sind Stärken von Frauen! Ich denke, dass wir diese Stärken sehr gut in die sich verändernde Arbeitswelt einbringen und sie damit bereichern können.

Das gilt im Grunde für uns alle: Wir sollten unsere Stärken kennen! Was sind tatsächlich meine Stärken? Was sind meine Werte? Wofür stehe ich? Nur wenn wir das Bewusstsein darüber haben, können wir sie einbringen.

Vielen Dank für diesen ermutigenden Abschluss und das interessante Gespräch!

Unterstützer
Das Projekt wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landes Baden-Württemberg unterstützt.