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Bianca Weber-Lewerenz: "In China gibt es für Frauen unheimliche Chancen"

Bianca Weber-Lewerenz hat ihr Leben ganz nach ihrem Motto gestaltet: "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!" In Baden-Württemberg war sie die erster Maurerin und setzte sich in der Männerdomäne Baubranche durch. Ihr großer Traum war es jedoch, ins Ausland zu gehen. Gemeinsam mit ihrem Mann wanderte sie nach China aus und baute in ihrer neuen Heimat Peking ihre Selbstständigkeit auf - mit Erfolg.  

Bianca Weber-Lewerenz

Liebe Frau Weber-Lewerenz, Ihr Karriereweg hat Sie bis ins ferne China geführt. Wie kam es dazu?

In China war ich 7 Jahre selbstständig in der Bauberatung tätig. Den Beruf am Bau habe ich von der Pike auf gelernt: nach dem Abitur war ich die erste Maurerin Baden-Württembergs. Im Rahmen des Ausbildungsmodells für Abiturienten schloss ich zusätzlich als „Betriebsassistentin im Handwerk“ ab. Mein Bauingenieurwesen-Studium in Konstanz, Mainz, Südafrika und die darauffolgenden Berufsjahre im Projektmanagement für den internationalen Großkonzern VINCI im In- und Ausland führten mich in die Geschäftsleitung in einer Innenausbau-Firma. Dabei hatte ich fortlaufend einen Mentor.

Mein Traum, und auch der meines Mannes, war es immer, im Ausland Fuß zu fassen. So haben mein Mann und ich den Schritt gewagt und sind nach China aufgebrochen. Daraus wurden 7 Jahre Peking, mit erstmaliger Gründung meiner Selbständigkeit: Bauberatung, Machbarkeitsstudien und Projektleitung für ausländische Unternehmen und Gründungen von JVs in China.

Ein mutiger Schritt: Hatten Sie bereits ein Jobangebot dort?

Nein, ich habe mich in China beworben. Doch stellte ich schnell fest, dass ich dem Angestelltenverhältnis entwachsen war. Deshalb habe ich mich nach kurzer Zeit selbstständig gemacht, mir ein Netzwerk aufgebaut und die Sprache gelernt. Denn für mich gilt: die Sprache ist der Schlüssel zum Land.

Ihr Mut scheint sich ausgezahlt zu haben: Wie haben Sie es geschafft, sich in China zu etablieren?

Ich bin intensiv in die chinesische Kultur eingetaucht. Von der deutschen Community habe ich mich ganz bewusst eher ferngehalten. Neues entsteht dort, wo man ins kalte Wasser springt. Von den Chinesen wurde ich sehr gut aufgenommen: Aufgrund meines Fachwissens wurde ich in große Projekte einbezogen. Dabei ging es um Bauen nach europäischem Standard oder um Machbarkeitsstudie für Facility Management. Ein kleiner Vorteil war vielleicht mein Auftreten: offen, dem Gegenüber in chinesischer Sprache begegnend. In Erinnerung bleibt mir die Sitzung eines Komitees der Pekinger Stadtteilverwaltung, in der ich als einzige Frau und einzige Ausländerin meine beraterischen Ansatzpunkte chinesisch kommunizierte.

Ein weitere zentraler Erfolgsfaktor war und ist mein Partner: Wir haben den Traum auszuwandern immer gemeinsam verfolgt. Dies setzt die gemeinsame Vision und ein eingespieltes Team voraus.

Sie haben sich voll und ganz auf die chinesische Kultur eingelassen: Was können Sie uns zur Unternehmenskultur in China sagen? Gibt es Unterschiede zu Deutschland?

In China hat eine Firma bei Mitarbeitern den Stellenwert einer zweiten Familie. Von daher ist die Unternehmenskultur eine ganz andere.

Bianca Weber-Lewerenz verbrachte insgesamt sieben Jahre in China
Durch ihr Fachwissen in der Baubranche und ihre Sprachkenntnisse wurde sie als Businesspartnerin geschätzt

Wirkt sich das auch auf Frauenkarrieren aus?

Was in chinesischen Unternehmen zählt, ist die Effizienz und das Ergebnis am Tagesende – ob Frau oder Mann macht da keinen Unterschied. Frauen in Führung sind in China ein reiner Business Case. Auch Schwangerschaften werden – anders als in Deutschland - in China nicht als Karrierebremse gesehen. Im Gegenteil: Unternehmen kümmern sich um Schwangere, sie können zum Beispiel während der Arbeitszeit Arzttermine wahrnehmen. Eine Kehrseite der chinesischen Kultur: wenn Frauen bis zum Alter von 30 Jahren kein Kind haben, verlieren sie immens an gesellschaftlichem Ansehen. Daher bekommen viele Chinesinnen früh ein Kind.

Das klingt nach einem klassischen Rollenmodell?

Davon haben sich die Frauen befreit, indem sie durch Bildung Selbstbewusstsein aufgebaut haben und ihre Chancen wahrnehmen. Auslandserfahrung spielt eine große Rolle. Denn in China hatten die Menschen lange nicht die Möglichkeit, sich den westlichen Standard an Austausch und Know-how aufzubauen. Der Lebensstandard in ländlichen Regionen ist noch sehr gering.

Die Familie genießt in China einen hohen Stellenwert - und trotzdem sind Frauenkarrieren gesellschaftlich akzeptiert? 

Die Familie ist in China das Rückhaltebecken: Die Eltern unterstützen ihre Kinder bei der Familiengründung, sodass die Frauen schnell wieder ins Berufsleben einsteigen können. Generell gibt man Frauen in China mehr Chancen, es gibt viele Frauen in hohen Positionen.

Sind in China mehr Frauen in Führung?

Ich würde das bejahen – vor allem mit Blick auf das Top-Level. In Deutschland muss man in den obersten Führungsetagen suchen, in China sind die Frauen dort schon. Auch einen Gender Pay Gap wie in Deutschland habe ich in China nicht erlebt. Diversität wird stark gepflegt, es sind aber durchaus noch alte Strukturen da. Gerade in den hohen Positionen sind noch viele Vertreter der älteren Generationen zu finden.

In Deutschland wird auch oft bezweifelt, ob Frauen überhaupt Karriere machen wollen. Wie ist das in China?

Chinesische Frauen schauen extrem auf ihre Qualifikationen und planen ihre Karriere höchst strategisch – und ihren Plan setzen sie in die Tat um. Sie richten ihr Profil gezielt so aus, dass sie aus der Menge der BewerberInnen herausstechen. Das Zweifelnde, das man aus Deutschland kennt, habe ich in China so nicht wahrgenommen. Ich habe in China Frauen erlebt, die eine Vision haben und für diese Vision brennen.

Was können deutsche Frauen von den Chinesinnen lernen?

In China ist die Netzwerkpflege ein ganz großes Thema. Es gibt dafür einen speziellen Begriff: „GUANGXI“ So nennt man ein persönliches Netzwerk an Kontakten, die einem im allen Lebensbereichen zur Seite stehen. Es ist dort völlig normal, um Unterstützung zu bitten - beispielsweise um ein Mentoring oder um neue Kontakte.

Wie war für Sie als Ausländerin der Zugang zu chinesischen Netzwerken?

Netzwerkpflege war mir schon immer wichtig: Durch meine kommunikative, proaktive Art und meine chinesischen Sprachkenntnisse habe ich schnell Anschluss erhalten. Meine chinesischen Freunde haben mir dann wieder weitere Türen geöffnet. Ich habe gelernt, dass es überall Anknüpfungspunkte gibt, die man nutzen kann – wenn man an einem Bauprojekt teilnimmt, wird man automatisch wieder bei neuen Kontakten vorstellig.

China bietet Frauen unendlich viele Karrierechancen
Bianca Weber-Lewerenz hat in China viele starke Frauen erlebt, die ihre Visionen verfolgen

Sie haben ja auch Erfahrungen in Deutschland gemacht. Wie haben Sie die Unternehmenskultur hier erlebt?

Ich bin immer in einer reinen Männerwelt tätig gewesen, von daher ist mein Durchsetzungsvermögen sicher ein anderes. In der Baubranche wurde ich immer wieder auf Herz und Nieren geprüft. Schlechte Erfahrungen habe ich vor allem mit deutschen Unternehmen gemacht in der Zusammenarbeit mit chinesischen Kooperationspartnern. Die kulturelle Sensibilität, interkulturelles Verständnis sind wenig oder gar nicht vorhanden. In unserem globalen Arbeitsalltag ein absolutes MUSS.

Deshalb setze ich mich zum Beispiel in meinem Engagement als MINT Mentorin/Coach ein für mehr Transparenz, ethische Verantwortung, Achtsamkeit und Respekt, und ein Miteinander zum gemeinsamen Erfolg! Eine Unternehmenskultur lebt von und mit ihren Menschen und es ist mir ein Anliegen, angehende Studenten, Studierende und Berufsanfänger, aber auch Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Netzwerkpartner in dieser Herangehensweise zu stärken.

Gibt es Strukturen, die man von China nach Deutschland übertragen könnte, um Frauenkarrieren zu ermöglichen?

In China gibt es keine Vorgaben wie etwa eine Frauenquote. Jedes Unternehmen regelt individuell, wie Frauen gefördert werden – aber es gibt in China für Frauen unglaubliche Chancen.

Ich würde daher viel mehr die Grundfrage an die Frau stellen: Was habe ich für Visionen, Stärken, Schwächen? Wo will ich hin? Wo habe ich Unterstützung und Rückhalt z.B. durch die Familie? Wer diese Fragen beantwortet hat, kann sicher seinen Weg gehen. Frauen empfehle ich: Wissen ist Macht. Verfolgt Eure Vision. Glaubt an Euch. Zeigt Euch.

Mein Motto: Wo ein Wille, da ein Weg. Do it with passion.

Herzlichen Dank für diese spannenden Insights für unsere Leserinnen!

Unterstützer
Das Projekt wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landes Baden-Württemberg unterstützt.