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Alena Keck: "In den USA habe ich viel zur eigenen Selbstpräsentation gelernt - und mich immer wieder neu zu orientieren!"

Ihre Karriere führte Alena Keck von Weißrussland über Deutschland in die USA. Heute ist Sie wieder in Baden-Württemberg beheimatet und treibt mit viel Leidenschaft und Energie die Agile Transformation in der Automobilindustrie voran. Als Mutter von zwei Kindern weiß Sie die Privilegien des deutschen Systems zu schätzen, hat allerdings durch die Zeit in den USA und in Weißrussland die Vorteile des frühen Wiedereinstiegs kennen gelernt – und Frauen, die mit großem Selbstvertrauen ihren beruflichen Weg gehen und diesen mit dem Familienleben erfolgreich kombinieren.

Liebe Frau Keck, bitte stellen Sie sich unseren LeserInnen kurz vor.

Internationale Umgebung und die Vielfalt der unterschiedlichen Kulturen haben mich schon immer fasziniert. Deswegen fühle ich mich in 4 Ländern zu Hause und spreche 5 Sprachen. Ich bin in Weißrussland aufgewachsen und bin im Rahmen meines internationalen Studiums nach Deutschland gekommen. Mein Weg führte mich weiter nach Frankreich, wo ich das Deutsch-Französisches Doppeldiplomprogram absolviert habe.

Nach verschiedenen beruflichen Stationen bei Daimler im Internationalem Vertrieb und Marketing in Deutschland und Frankreich, wo ich mit verschiedenen Märkten zusammengearbeitet habe, war ich die letzten 4 Jahre in den USA.

Momentan bin ich Senior Manager bei MHP, das ist eine Tochtergesellschaft der Porsche AG. Ich bin zuständig für die Lean-Agile Transformationsprojekte in der Automobilindustrie.

Welche Erfahrungen haben Sie denn in den USA, als Frau in einer Führungsposition?

In den USA ist es mir aufgefallen, dass die Frauen im Vergleich zu Deutschland jünger sind, wenn sie erste Führungserfahrung sammeln. Es gibt mehr Frauen in Führungspositionen, auch in den technischen Bereichen. Außerdem ist Entrepreneurship als Karriereweg sehr beliebt. Es gibt viele Möglichkeiten sich mit erfolgreichen Frauen zu vernetzen und von ihren Erfahrungen zu lernen. So war ich zum Beispiel in den USA Mitglied in der "German Professional Women Association".

Diese Umgebung "We rise, when we lift each other up" hat mir mehr Selbstvertrauen gegeben meinen eigenen Weg zu gehen und hat mich immer wieder mit positiver Energie und Impulsen aufgeladen.

Am meisten habe ich genossen, dass die Rahmenbedingungen für Frauen es viel leichter machen Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Das ganze System dort, beispielsweise was Kinderbetreuung- oder Freizeitkonzepte angeht, ist auf berufstätige Eltern angepasst und ist im allgemeinen sehr familienfreundlich. Auch die Infrastruktur, zum Beispiel das Einkaufen ist so angelegt, dass man einfach jeden Tag und auch zu jeder Zeit einkaufen kann. Da ein Maximum an Komfort und die Kundenorientierung in den USA im Vordergrund stehen, war es für mich viel einfacher, mich auf die Arbeit zu konzentrieren und mich danach auch wirklich zu entspannen. Im Vergleich dazu haben berufstätige Eltern in Deutschland immer noch sehr viel mit der nicht flächendeckenden Ganztagesbetreuung zu kämpfen und haben in der Regel nur am Samstag Zeit, um den Wocheneinkauf zu erledigen. An den Wochentagen sitzen sie jeden Tag nach der Arbeit noch lange mit den Kindern an den Hausaufgaben, weil das in der Schule nicht gemacht wird. Das macht es vielen Frauen viel schwerer ihre beruflichen Träume zu verwirklichen.

Die Rahmenbedingungen für berufstätige Frauen sind also einfach günstiger als in Deutschland?

Auf jeden Fall. In den USA ist es gesellschaftlich viel besser verankert, dass sowohl Männer als auch Frauen arbeiten und Karriere machen können. Der "Dream Big" Mindset ist sehr tief in der Kultur verwurzelt und es stellt sich nie die Frage "schaffe ich es" sondern "wie schaffe ich es". Frauen gehen dort meistens sechs bis neun Wochen nach der Geburt wieder zur Arbeit. Dadurch entsteht keine große Pause, keine Wissens- oder Erfahrungslücken, sodass sie den Anschluss zum Unternehmen nicht verlieren. Ich möchte betonen: Ich finde es super, dass die Elternzeit in Deutschland so lange ist! Ich habe ein Jahr Elternzeit sehr genossen und würde nicht darauf verzichten wollen. Trotzdem ist es so, dass es in den USA nicht denkbar wäre drei Jahre Elternzeit zu nehmen - allein schon, weil es dafür keine staatliche Unterstützung gibt. Frauen sind einfach gezwungen früher wiedereinzusteigen.Auch die Rollenverteilung ist eine andere: Viele Väter sind sehr engagiert, vor allem was die sportlichen Aktivitäten der Kinder nach der Schule angeht. In Deutschland ist die Rollenverteilung trotz große Vorschritte in den letzten Jahren weiterhin eher traditionell und die gesellschaftliche Akzeptanz, dass Frauen mit Kindern ganztags arbeiten noch gering.

Wie ist das im Vergleich dazu in Weißrussland?

In Weißrussland ist eine erfolgreiche Frau dadurch definiert, dass sie Karriere macht und Kinder hat. Das Image einer "Powerfrau", die alles kann, wird in den Medien vermittelt und gesellschaftlich erwartet.

Die Schattenseite ist, dass die Frauen immer "stark und erfolgreich" nach außen auftreten, egal wie es ihnen innerlich geht und nicht über ihre Herausforderungen und Rückschläge offen sprechen können. Dadurch tragen sie oft eine große emotionale Last und sind unrealistischen Erwartungen ausgesetzt.

Die letzten vier Jahre hat Alena Keck in Detroit, Michigan verbracht
Der jährliche Besuch der Detroit Motorshow ist zur Familientradition geworden (Bild: Detroit Motor Show)

In Deutschland und den USA waren Sie im selben Unternehmen tätig. Gab es da Unterschiede beispielsweise in der Teamzusammensetzung?

Die Führungskultur in den USA unterscheidet sich sehr stark von der deutschen Führungskultur. Die Arbeitsatmosphäre ist viel lockerer, neue Ideen werden begrüßt und ausprobiert, ohne lange und aufwändige Analysephasen. Die Teams sind sehr divers in Bezug auf kulturellen Hintergrund. Dadurch ist die Toleranz für verschiedene Perspektiven größer. Trotz einer lockeren Kommunikation über die Hierarchielevels hinweg, sind bei bestimmten Entscheidungen die Hierarchieebenen mehr spürbar als in Deutschland.

Was Frauen in Führungspositionen angeht, im Middle Management sind die Frauenanteile gefühlt ähnlich wie in Deutschland. Allerdings im Upper Management waren in den USA schon deutlich mehr Frauen vertreten.

Würden Sie sagen, dass es in den USA für Frauen einfacher ist Karriere zu machen?

Bis zu einem gewissen Grad ja. Der Übergang zwischen einer fachlichen und einer Führungsrolle gelingt in den USA schneller und einfacher als in Deutschland. Dadurch, dass die Frauen jünger sind, wenn sie die erste Führungsverantwortung übernehmen und auch dadurch, dass sie schnell nach der Geburt wieder Vollzeit arbeiten, können sie mehr Führungserfahrung sammeln und beruflich schneller wachsen. Trotzdem habe ich viele Frauen kennengelernt, die sich irgendwann gegen klassischen Karrierehamsterrad entscheiden und bewusst sich später durch Entrepreneurship verwirklichen, anstatt die Karriereleiter hochzuklettern.

Gibt es Strukturen oder bestimmte Maßnahmen zur Frauenförderung in den USA, die nach Deutschland übertragen werden könnten?

In USA hat man deutlich früher erkannt, dass es wichtig ist die Frauen in stark wachsenden technischen Berufen zu fördern. Es gibt viele STEM Programme für Mädchen schon ab dem Grundschulalter (STEM=Science, Technology,Engineering, Math). Ich war im Sommer eine der Mentorininnen für das "Girls Get IT" Programm für High School Schülerinnen.

Meine Kolleginnen und ich haben auch z.B. ein Mentoring-Programm für angehende weibliche Führungskräfte in der IT auf die Beine gestellt.

Auch weibliche Entrepreneurinnen werden in den USA viel stärker gestützt. Es gibt viele Frauennetzwerke für Gründerinnen und Solo-Entrepreneurinnen, die Konferenzen und andere Events organisieren und gegenseitige Unterstützung anbieten.

Ich würde mir sehr wünschen, dass es mehr von solchen Programmen auch in Deutschland gibt.

Sehen Sie in Deutschland auch politischen Handlungsbedarf?

Ich glaube, in Deutschland läuft vieles noch immer sehr 'traditionell': An vielen Orten endet die Schule immer noch um 12.00 Uhr oder es gibt eine zweistündige Mittagspause ohne Betreuung für die Kinder. Oft scheint die Betreuung auch eher eine 'Aufbewahrung' zu sein, das heißt sie ist nicht pädagogisch wertvoll. Im Gegensatz dazu wird in den USA eher eine familienfreundliche Rundumversorgung gewährleistet. Es gab den Schulbus hin und zurück und eine Ganztagesschule mit Hausaufgabenbetreuung. So ein Konzept flächendeckend umzusetzen wäre auch in Deutschland sehr hilfreich.

Zwar hat man schon viele Fortschritte in der Kita-Betreuung gemacht, indem die Kinderbetreuung ab einem Jahr angeboten wird. Aber dabei hat man vergessen, dass das Schulsystem noch immer sehr traditionell aufgebaut ist. Wenn man ab dem sechsten Lebensjahr des Kindes nicht mehr weiß, wie man die Betreuung regeln soll, kann das dazu führen, dass Frauen sich keine Vollzeitstelle zutrauen oder sich gar nicht trauen, nach der Elternzeit wieder in den Beruf einzusteigen. Das betrifft auch die Ferienbetreuung, da es zu wenige ganztags Ferienangebote gibt.

Wie ist das in Weißrussland geregelt?

Ganztägige Betreuungskonzepte für Kinder sind die Norm und keine Ausnahme. Es gibt Schulkonzepte, die längere Betreuungszeiten anbieten und viele Sommerferienangebote. Für berufstätige Eltern ist eine exzellente Bildung vom frühen Alter sehr wichtig. Junge Mädchen sind sehr wissbegierig und streben nach Topausbildung und Bestnoten. Es gibt einen starken Erfolgswillen.

Zusätzlich ist in Weißrussland die unterstützende Struktur eine andere, weil alle bei der Kinderbetreuung mithelfen: Omas, Opas, Tanten, Brüder, Schwestern und sogar die Nachbarn. Solche gegenseitige Unterstützung entlastet berufstätige Eltern sehr.

Gibt es etwas, das Frauen in Deutschland beim Blick in die USA lernen können?

Die Frauen in Deutschland sollten nicht die ganze Zeit hinterfragen, ob Karriere und Kinder vereinbar sind. Ich beobachte diesbezüglich viele Selbstzweifel. Ich bin dafür, es einfach zu versuchen und kreativ zu werden. Man findet immer eine Lösung, wenn man sich traut. Vernetzung mit Frauen, die ähnliche Herausforderungen haben ist dabei sehr hilfreich.

In den USA habe ich außerdem viel zur eigenen Selbstpräsentation dazugelernt. Da brauchen deutsche Frauen noch Übung! Dieses selbstbewusste Auftreten und eine positive Einstellung kann man sich dort von Frauen und Männern abschauen. Als ich in die USA gekommen bin, habe ich mich nach dem deutschen Standard verhalten: Ich war eher bescheiden und sehr sachlich unterwegs. Das hat in den USA nicht so gut funktioniert. Dass ich gelernt habe, sicherer aufzutreten und mich nicht runterhandeln zu lassen, hat mir auch in Deutschland geholfen. Die Menschen waren wirklich begeistert davon, wie selbstbewusst ich mich präsentiert habe. Das hätte ich vor der Zeit in den USA niemals so gemacht!

 

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Unterstützer
Das Projekt wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landes Baden-Württemberg unterstützt.