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"Mit der Doppelspitze bringen wir das Unternehmen als solches und die Rolle der HR in der Gesamtorganisation voran"

Diana Baumhauer, Senior Vice President HR / Legal Counsel, Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck GmbH

Arbeitsmodell: Führungstandem mit einer Vollzeit-Stelle und einer vollzeitnahen Stelle (90%)


Liebe Frau Baumhauer, Sie selbst arbeiten nicht nach einem klassischen Modell für Führen in Teilzeit, sondern Sie haben sich für eine Job-Sharing-Variante entschieden. Wie sieht das genau aus?

Meine Kollegin Frau Vischer und ich haben uns für ein Führungstandem entschieden. Dabei bin ich in Vollzeit tätig, Frau Vischer vollzeitnah (90%). Gemeinsam sind wir für alle Themen verantwortlich, die die Personalarbeit in einem globalen Konzern betreffen. Dazu gehören strategische und rechtliche Themen genauso wie Recruiting oder Employer Branding.

 

 

Anmerkung der Redaktion: Diana Baumhauer ist eine von über 120 "Spitzenfrauen" in baden-württembergischen Unternehmen.

Sharing-Modelle sind gerade auf den höheren Führungsebenen selten zu finden. Wie kam es zur Doppelspitze und was waren Ihre Beweggründe?

Für uns beide war klar, dass wir die Stelle wenn, dann nur zusammen antreten wollen. Die Vorstellung, in einer Doppelspitze zu arbeiten und Lösungen für alle Herausforderungen zusammen  zu gestalten, fanden wir sehr attraktiv. Frau Vischer und ich haben davor schon lange zusammen gearbeitet. Für uns war es nicht wichtig, alleine an der Spitze zu stehen.

Das heißt, die Initiative ging von Ihnen und Frau Vischer aus. Wie kam Ihr Vorschlag bei der Geschäftsführung an?

Als wir unsere Idee an den CEO Dr. Stefan von Holtzbrinck herantrugen, war die Erwartung, dass wir von  vorneherein die Rahmenbedingungen und Voraussetzungen ganz klar abstecken und vertrauensvoll zusammenarbeiten werden. Dies konnten wir überzeugend vorstellen und damit hatten wir den Job!

Wie sehen diese Rahmenbedingungen aus?

Wir haben im Vorfeld interne und externe Voraussetzungen definiert. Wichtig war uns ein Höchstmaß an strukturierter Kommunikation mit permanenter Abstimmung und hoher gegenseitiger Wertschätzung. Zudem  haben wir eine klare Themen- und Aufgabenteilung, sodass keine Dopplungen entstehen. Wer neue Sharing- oder Teilzeitmodelle etablieren will, muss Vertrauen schaffen und ein gutes Konzept vorbringen. Frau Vischer und ich haben in einem Workshop zusammen erarbeitet, wie wir das erste Jahr und unsere Arbeitsteilung gestalten wollen.

Die Verantwortlichkeiten sind also ganz klar definiert?

So ist es: Unsere gemeinsamen Themen sind das Recruiting für Top-Positionen und die allumfassende HR-Strategie. Frau Vischer hat ihre Schwerpunkte in der Personalentwicklung, im Marketing und im Bereich Social Media. Ich bin für alles Vertragliche,Vergütungsstragien und  die Betreuung der Geschäftsführungspositionen zuständig. Durch unsere unterschiedlichen Backgrounds ergänzen wir uns hier ideal und wir können beide unsere Expertise optimal einbringen.

Wie hat Ihr Umfeld auf dieses neue Führungskonzept reagiert - zum Beispiel Ihre Kunden und natürlich auch Ihr Team?

Bei den Kunden und Auftraggebern war ebenfalls freundliche Skepsis zu spüren. Doch durch die unterschiedlichen Themen- und Aufgabengebiete war eigentlich immer für alle klar, wann welche von uns beiden angesprochen werden muss. Auf die MitarbeiterInnen sind wir aktiv zugegangen und haben deren Erwartungen aufgenommen. Wir haben eine ausgeprägte Feedbackkultur, eine hohe Transparenz und auch das Thema Empowerment ist bei Holtzbrinck ein wichtiges Thema. Die Arbeit in einer Holding einer internationalen Mediengruppe bedeutet, dass es viele Positionen mit hohen Anforderungen gibt. Denn wir beschäftigen uns schwerpunktmäßig mit Strategie und Finanzierung.

Insgesamt kann ich sagen, dass unser Führungstandem sowohl im Unternehmen als auch bei den Kunden sehr gut ankommt. Ich denke, wir überzeugen mit fachlicher Kompetenz, hoher Ergebnisorientierung und Agilität.

Somit ist das "Experiment“ Job-Sharing ist gelungen?

Ich sehe unser Führungstandem ganz klar als Erfolgsmodell, auch unser CEO ist absolut zufrieden. Im Tandem füllen Frau Vischer und ich die Stellen wunderbar aus, eine alleine könnte das nicht leisten! Die Resonanz für das Unternehmen ist positiv und wir haben damit ein gutes Standing für den Bereich HR erarbeitet. Mit der Doppelspitze bringen wir also auch das Unternehmen als solches und die Rolle der HR in der Gesamtorganisation voran.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit ein Job-Sharing funktioniert?

Ich meine, entscheidend sind erstens eine gelingende interne Kommunikation (d.h. im Tandem und im Unternehmen), zweitens ein einheitliches Auftreten nach außen, und drittens eine klare Arbeitsaufteilung, die intern eingehalten und auch nach außen klar und gemeinschaftlich kommuniziert wird. Wir wollten auch eigenständig arbeiten können, und treten bewusst nicht immer im Doppelpack auf. Weitere wichtige Erfolgsfaktoren sind natürlich eine große Gemeinsamkeit zwischen den Tandempartnern und die Freude an der gemeinsamen Arbeit.

Gibt es bereits Nachahmer im Unternehmen?

Nein, aktuell noch nicht. In anderen Abteilungen ist eher Führen in Teilzeit im klassischen Sinne ein Thema. Aktuell ist eine Bereichsleiterin nach acht Monaten mit 70 Prozent wiedereingestiegen und lebt ihre Führungsrolle hervorragend.

Allerdings ist es nach wie vor wichtig, Frauen zu ermutigen. Mein Motto lautet hier: Führung UND Familie sind möglich, man sollte dabei alle Modelle prüfen, auch Teilzeit und Job-Sharing! Wer dran bleibt, kann auch nach der Elternzeit wieder weiter durchstarten.

Würden Sie sagen, dass Ihr Sharing-Modell so gut konzipiert ist, dass es auch mit anderen KandidatInnen weitergeführt werden könnte? Oder hängt es stark von der Persönlichkeit ab?

Ganz grundsätzlich würde ich sagen: Solche Modelle können auch von anderen KandidatInnen ausgefüllt werden, wir sind keine Ausnahmefrauen. Wir streiten uns auch gerne einmal und diskutieren viel miteinander. Sicher spielen auch das Unternehmen, die Branche und der Bereich eine Rolle: In der Medizin ist es vermutlich schwieriger, solche Modelle umzusetzen. Zudem sind derzeit noch viele Führungspositionen von Baby Boomern besetzt. Diese Chefs und Chefinnen wollen ihren Sessel vielleicht doch noch lieber für sich alleine haben.

Haben Sie und Ihre Kollegin Regelungen für den Ausstieg getroffen, sollte das Modell für Sie irgendwann nicht mehr das richtige sein? Gibt es beispielsweise eine Arbeitszeitregelung?

Wir haben keine Regelungen in dokumentierter Form. Doch da wir im permanenten Austausch miteinander stehen, würden wir sicher in einem sehr frühen Stadium gemeinsam eine Lösung erarbeiten. Im Unternehmen haben wir beispielsweise gerade Zeitwertkonten eingeführt, in Zukunft werden eventuell Sabbaticals ein Thema. Daher sind wir zuversichtlich, dass gemeinsam Lösungen gefunden werden.

Welchen Rat würden Sie anderen, die sich ein Job-Sharing-Modell vorstellen könnten, mit auf den Weg geben?

Gerade Frauen sollten sich "ihr" Unternehmen gezielt danach aussuchen, welche Möglichkeiten es zum Beispiel für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bietet. Eine intelligente Planung hilft dabei, Überforderung zu vermeiden – die Rahmenbedingungen dafür setzt das Unternehmen. Ich bin überzeugt, dass Führen in Teilzeit und Job-Sharing-Modelle tolle Instrumente sind, um mehr Frauen in Führung zu bringen. Denn einig Frauen – sicher nicht alle- wollen meiner Erfahrung nach anders, d.h. kooperativer arbeiten.

Von daher wäre mein Rat: Traut euch und sucht euch die Unternehmen und Arbeitsmodelle, die zu euch passen. Ich weiß noch ganz genau, wie Meine Kollegin und ich überlegt haben, ob und mit welchen Erfolgsaussichten wir das Modell Doppelspitze ansprechen können. Heute kann ich sagen: Es war die beste Aktion überhaupt! Ich bin froh, dass wir den Mut gehabt haben, dieses Wagnis gemeinsam mit unserem CEO anzugehen.

Liebe Frau Baumhauer, vielen Dank für das interessante Gespräch und weiterhin viel Freude und Erfolg für Ihre Doppelspitze!

Unterstützer
Das Projekt wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landes Baden-Württemberg unterstützt.