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"Ich bin stolz darauf, dass ich das schaffe."

Corinna Dornbusch, Leitung Personal- und Organisationsentwicklung, Bosch Power Tools GmbH

Teilzeitmodell: 80 Prozent, verteilt auf 5 Tage pro Woche mit 3 kurzen und 1 freien Nachmittag

Corinna Dornbusch, Leitung Personal- und Organisationsentwicklung, Bosch Power Tools GmbH


Liebe Frau Dornbusch, bitte stellen Sie sich unseren LeserInnen kurz vor.

Nach meinem Studium - BWL mit dem Schwerpunkt Personal - bin ich erst bei Volkswagen eingestiegen und habe danach Yello Strom mit aufgebaut. Von Köln aus bin ich nach 2 Jahren zur Muttergesellschaft EnBW gewechselt.

Dann kam ich zu Bosch: Zuerst war ich bei Bosch als Personalreferentin in der operativen Personalbetreuung tätig, im nächsten Schritt habe ich die Projektleitung für die Einführung von  SAP E-Recruiting übernommen. Im Anschluss war ich ein so genannter ‘Global Process Owner‘ - als weltweite Expertin für die Themen Personalauswahl und die Nachwuchsprogramme in der Zentrale von Bosch verantwortlich. Danach wechselte ich in den Geschäftsbereich Power Tools und  übernahm die Personal- und Organisationsentwicklung.

Heute bin ich mit einem Team aus Experten für alle konzeptionellen HR-Themen bei Power Tools zuständig.

Eine beeindruckende Karriere! Heute führen Sie in Teilzeit: Wie gestaltet sich Ihr Teilzeitmodell?

Seit 2012 habe ich eine 80-Prozent-Stelle: 2011 habe ich meinen Sohn bekommen und bin nach acht Monaten wieder in meinen alten Job eingestiegen, während mein Mann sich drei Monate Elternzeit genommen hat. In der Bosch-Zentrale habe ich die 80 Prozent als 4-Tage-Woche gestaltet, einen Tag pro Woche hatte ich also frei. Mein Sohn war zu dieser Zeit in der Kita gut betreut. Im September 2014 konnte ich dann von der Bosch-Zentrale in die Personal- und Organisationsentwicklung bei Power Tools wechseln. Dabeihabe ich mein Teilzeitmodell umgestellt, u.a. auch um  die anstehenden Termine unterzubringen  und weil die Betreuungszeiten nach der Kita verkürzt waren. Heute arbeite ich an fünf Tagen in der Woche, allerdings bin ich an drei Tagen nur bis 16.00 Uhr im Einsatz und die Freitagnachmittage sind komplett für meinen Sohn reserviert. Dafür arbeite ich einen Tag lang - an diesem Tag übernimmt dann mein Mann die Betreuung.

Wer übernimmt die restlichen 20 Prozent?

Niemand spezielles - allerdings habe ich ein sehr selbständiges Team.

Wie funktioniert das?

Mit mehr Selbstdisziplin und Delegation, d.h. als Führungskraft mehr Aufgaben an das Team abgeben.

nach der Elternzeit Sind Sie in dasselbe Team zurückgekehrt, das Sie vorher in Vollzeit geführt haben: War der Wechsel von Vollzeit auf Teilzeit schwierig?

Sowohl in der Bosch-Zentrale als auch bei Bosch Power Tools habe ich immer Experten geführt, das heißt ich arbeite mit erfahrenen Mitarbeitern zusammen, die sehr eigenverantwortlich arbeiten und weitgehend ohne Führung zurechtkommen. Die Akzeptanz im Team ist groß und es gab keine Probleme – vielleicht auch, weil ich von Anfang an sehr offen damit umgegangen bin. Ich habe meine Mitarbeiter/innen zum Beispiel auch  zu mir nach Hause eingeladen, damit sie meine Familie kennenlernen und wissen, was hinter meinem Teilzeitmodell steckt. Mir war es außerdem immer wichtig, Ansprechpartner für mein Team zu sein.

Sie haben nicht nur Ihr Team, sondern auch KollegInnen auf der gleichen Ebene: Wie wurde Ihr Teilzeitmodell da aufgenommen?

Auch gut: Teilzeit ist bei Bosch überhaupt nichts Ungewöhnliches. Von daher war die Akzeptanz auf der Peer-Ebene immer da. Mein damaliger Chef in der Zentrale ist selbst Vater und hatte damit auch kein Problem. Schwieriger kann es werden, wenn die/der Vorgesetzte/r keine eigene Familie hat. Dann kommt schon einmal eine Frage wie: "Kann sich nicht mal jemand anderes um die Kinderbetreuung kümmern?"

So kam es schon vor, dass  ich zu Vorstandssitzungen um 18.00 Uhr eingeladen werde - manchmal kann ich das organisieren, aber es geht nicht immer. Mein Mann arbeitet selbst in einer Führungsposition in einem großen Unternehmen, wo die Akzeptanz noch weniger da ist. Wir beide haben schon Reaktionen erlebt, die für uns nicht so angenehm waren.

Bei 80 Prozent muss man sich seine Zeit gut einteilen: Wie klappt es mit dem „Bürotalk“ – bleibt Ihnen in Ihrer Teilzeitstelle genug Zeit zum Netzwerken?

Spontan geht das nicht mehr, aber systematisch: Ich plane das Netzwerken ganz bewusst in meinen Arbeitstag ein, treffe mich zum Beispiel mit Kolleg/innen aus anderen Bereichen zum Kaffee oder zum Mittagessen. In meinem Arbeitsalltag gibt es kaum ein Mittagessen ohne ein Netzwerkgespräch. Durch die erforderliche Effizienz kann und muss man sich als Führungskraft in Teilzeit solche Dinge bewusst vornehmen. Ich wähle heute auch ganz genau aus, mit wem ich mich treffe.

Sie haben mehr Stress, ein hohes Anspannungslevel: Warum tun Sie sich das an?

Meine Themen und Aufgaben machen mir unheimlich viel Spaß. Die Komplexität, die meine Aufgaben mit sich bringen, ist super - ich liebe Komplexität! Außerdem arbeite ich wahnsinnig gerne mit den Menschen aus meinem Team und glaube, dass ich Ihnen als Führungskraft auch einen echten Mehrwert biete. Führung ist auch für mich Persönlichkeitsentwicklung - sowohl für mich als auch für andere. Außerdem habe ich eine ausgeprägte Leistungsorientierung in meinem Persönlichkeitsprofil. Natürlich möchte ich aber auch noch Zeit haben, etwas für mich zu tun: Sport machen, mich mit Freunden treffen.

Das heißt, um so ein Modell erfolgreich umzusetzen, braucht man als Führungskraft nicht nur die Unterstützung des Teams und der Familie, sondern auch eine ganz starke Leistungsbereitschaft?

Ich bin stolz darauf, dass ich das schaffe. Dafür braucht es vor allem einen Treiber! Für mich ist Macht überhaupt kein Treiber, sondern nur das Inhaltliche, die Expertise zählt. Als Mutter einmal auf  50 Prozent zu gehen, war unvorstellbar für mich! Ich bin mit 37 Mutter geworden und war vorher immer beruflich erfolgreich. Selbst mein Mann sagte nach acht Monaten Elternzeit: "Jetzt wird es aber Zeit, dass du wieder arbeiten gehst!"

Das heißt, für uns gab es als Paar auch nicht wirklich eine Alternative - wir sind beide in der DDR geboren und für uns war es wichtig, dass beide im Beruf Erfolg haben und dass das nur in einer gleichberechtigten Partnerschaft funktioniert. Gleichzeitig war für uns aber auch klar, dass keiner das Ziel verfolgt, ins Topmanagement zu gehen - das hätte auch nicht funktioniert.

Das heißt auch, wichtige Entscheidungen werden gemeinsam in der Partnerschaft getroffen?

Ja, diese Entscheidungen müssen ganz bewusst und klar getroffen werden, wenn man sich für ein Kind entscheidet. Wir haben das alles rational geplant - und es funktioniert. Ich habe einen tollen Sohn, mit dem ich zwei Mal in der Woche zum Sport kann. Mein Mann und ich sitzen sonntags zusammen und planen die nächsten zwei Wochen, stimmen uns bezüglich unserer Geschäftsreisen und Termine ab.

Würden Sie sagen, dass es Führungsjobs und -aufgaben gibt, die man nicht in Teilzeit schaffen kann?

Ich würde schon sagen, dass es Jobs gibt, bei denen das nicht geht. Wenn ich zum Beispiel im operativen Bereich tätig bin, wo Mitarbeiter/innen dreimal im Tag eine Richtung brauchen, dann ist mehr physische Präsenz erforderlich. Darüber hinaus hängt es sicherlich auch von der Führungsebene ab, wenn z.B. der Vorstand erwartet, dass Mitarbeiter/innen zeitlich immer verfügbar sind, dann ist Führen in Teilzeit auch schwierig. Bei mir ist sicher von Vorteil, dass bei meiner Führungsposition kein operatives Geschäft angesiedelt ist. Es passieren also praktisch keine unerwarteten Dinge wie z.B. Streiks, da ich überwiegend  konzeptionell arbeite. Auf der operativen Ebene sind sehr viel öfter spontane Reaktionen notwendig.

Was ist Ihr persönlicher Gewinn aus Ihrer Teilzeit-Tätigkeit?

Ich habe für mich viel mitgenommen und auch meinen Führungsstil verändert: Heute gebe ich viel mehr Verantwortung an das Team ab. Mir ist es sehr wichtig, dass meine Mitarbeiter/innen eigenverantwortlich arbeiten – Stichwort ‘dienende Führung‘. Früher war ich sehr kontrollorientiert und habe alles noch mal ganz genau angeschaut. Heute bin ich viel gelassener und gehe auch mal mit einer 80 Prozent-Lösung mit. Ich kann gestalten und  ich kann auch Mitarbeiter entwickeln - das ist eine tolle Chance! Und wenn was los ist, bin ich da.

Kennen Sie Männer, die ähnlich führen wie Sie?

Eher nicht. Mein Führungsstil kommt auch nicht immer und überall gut an: Ich stelle mich selbst nicht in den Vordergrund, sondern stärke die Mitarbeiter/innen, die das total zu schätzen wissen. Von anderen Führungskräften kommt da schon mal die Frage, wo ich als Führungskraft eigentlich präsent bin bzw. was ich mache. Je höher man im Management kommt, desto stärker muss man einen Spagat meistern - Machtdemonstrationen und Selbstpräsentation gehören ab einem gewissen Level einfach dazu. Deshalb kenne ich auch viele Frauen, die in Führungspositionen wie Männer agieren.

Möchten Sie perspektivisch irgendwann wieder auf Vollzeit gehen?

Ich denke nicht. Wenn mein Sohn älter ist, möchte ich mir gern wieder  einen freien Tag nehmen. Ich habe so viele Interessen habe, für die im Moment wenig Zeit bleibt.

Herzlichen Dank für das spannende Gespräch und weiterhin alles Gute für Sie.

 

 

Unterstützer
Das Projekt wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landes Baden-Württemberg unterstützt.