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"Seid egoistisch, glaubt an euch und fordert ein, was ihr wollt!"

Christin Otto, Senior Product Manager Produktmanagement Standards & Support, Würth Elektronik eiSos GmbH

 

Teilzeitmodell: 30 bzw. 35 h/Woche mit zwei längeren und drei kürzeren Präsenztagen

Christin Otto, Senior Product Manager Produktmanagement Standards & Support, Würth Elektronik eiSos GmbH

Liebe Frau Otto, bitte stellen Sie sich unseren LeserInnen kurz vor.

Ursprünglich komme ich aus Thüringen. Nach meinem Abitur bin ich im Jahr 2005 für mein duales Studium der Elektrotechnik/Nachrichtentechnik zu Würth Elektronik gekommen. Nach meinem Abschluss im Jahr 2008 bin ich direkt im Unternehmen geblieben und als Produktmanagerin für passive Bauteile eingestiegen. Von 2008 bis 2013 war ich als Produktmanagerin tätig. Damals war im Gespräch, dass eine neue Abteilung geschaffen werden soll, die die zentrale Stammdatenpflege für alle Produktbereiche weltweit übernimmt. Das hat mich interessiert, da ich ein starkes Interesse an internen Prozessen und Systemen und Freude an der Vereinheitlichung habe.

Durch meine erste Schwangerschaft, habe ich eine guten Cut zwischen den beiden Aufgabenbereichen gehabt.

Das heißt, in diesem Zusammenhang erfolgte auch der Wechsel von Vollzeit zu Teilzeit?

Genau, ich bin 2015 nach einem Jahr Elternzeit mit 30 Stunden pro Woche wieder eingestiegen. Nach einiger Zeit habe ich auf 36 Stunden erhöht. In dieser Zeit habe ich die Abteilung als Abteilungsleiterin angefangen aufzubauen. Im Jahr 2016 kam dann die zweite Elternzeit, da hatte ich in der Abteilung bereits fünf Mitarbeiter/innen. Dieses Mal habe ich Projekte aus der Elternzeit heraus mitbetreut, d.h. ich war ein bis zwei Mal pro Monat im Unternehmen und habe das Team unterstützt. Im Jahr 2017 bin ich dann wieder mit 30 Stunden eingestiegen, ein Jahr später habe ich wieder auf  35 Stunden aufgestockt.

Wie verteilt sich Ihr Arbeitspensum auf die Woche?

Bei meinem 30-Stunden-Modell habe ich jeden Tag von 8.00 Uhr bis 14.30 Uhr gearbeitet. Heute mit 35 Stunden arbeite ich montags und dienstags länger, an den restlichen Tagen bin ich bis 14.30 Uhr im Büro. Ich gestalte meine Arbeitszeit aber relativ flexibel – es hängt immer auch von Terminen oder wichtigen Deadlines ab.

Funktioniert das Teilzeitmodell auch gut für Ihre Familie? Sie haben ja inzwischen zwei Kinder.

Ja, das funktioniert sehr gut, denn beide Kinder werden in der Ganztagesbetreuung von 7.00 bis 17.00 Uhr sehr gut versorgt. Ohne Ganztagesplatz hätten wir das nicht stemmen können. Mein Mann hat zum Glück auch die Möglichkeit, seine Arbeitszeit flexibel zu gestalten. Wir arbeiten viel mit Outlook, um unsere Termine zu koordinieren.

Ihre Kinder waren der Hauptbeweggrund für Sie, Ihre Stelle in Teilzeit zu gestalten: War dieser Wunsch schwierig durchzusetzen? Wie waren die Reaktionen im Unternehmen?

Ich habe meinem Vorgesetzten von Anfang an ganz klar kommuniziert, dass ich nach der Elternzeit wiederkomme. Von daher war mein Plan für mich sehr gut zu realisieren: Ich habe das Teilzeitmodell vorgeschlagen und mein Vorgesetzter hat zugestimmt. Natürlich war das kein reines ‘Wunschkonzert‘, aber wir konnten uns sehr gut einigen. Für meinen Vorgesetzten war wichtig, dass ich jeden Tag im Unternehmen bin – und das wollte ich selbst auch.

Wie haben Ihre Mitarbeiter/innen und Ihre Kolleg/innen auf Ihre Entscheidung reagiert, dass Sie Ihre Führungstätigkeit in Teilzeit ausüben wollen?

Es gab keine Probleme: Die Mitarbeiter wussten, dass ich immer ansprechbar bin. Wir haben feste Termine, an denen wir uns abstimmen und austauschen - das klappt sehr gut. Und man muss sagen, dass meine Vollzeit-Kolleg/innen ja auch nicht in Vollzeit Führungsaufgaben übernehmen, sondern auch noch ihr Tagesgeschäft abzuarbeiten haben. Viele sind außerdem häufig unterwegs und damit nicht öfter oder länger im Büro als ich. Im Grunde führen also alle Führungskräfte in Teilzeit.

Bei Ihrer 30-Stunden-Woche war klar, dass Sie um 14.30 gehen müssen. Hat das gut funktioniert?

Ja, denn ich habe das von Anfang an klar kommuniziert. Natürlich gehört auch Selbstdisziplin dazu: Man muss sich an seine eigene Regel halten! Gerade zu Beginn habe ich deshalb relativ rigoros späte Termine abgelehnt. Das hatte schon den einen oder anderen Kommentar zur Folge – ich arbeite ja auch noch in einer ‚Männerabteilung‘ -  aber ich habe das nie als ernsthafte Diskriminierung empfunden.

Sie sind ja auch schon lange im Unternehmen. Dass Sie die Abteilung von vorneherein in Teilzeit aufgebaut haben, war vermutlich auch hilfreich?

Ja, genau. Die hohe Akzeptanz hat vielleicht auch damit zu tun, dass wir ein sehr junges Unternehmen sind, in dem vielen junge Väter und Mütter auch in Teilzeit arbeiten. Diese Rahmenbedingungen haben das Gelingen sicher begünstigt.

Wie viele Mitarbeiter/innen haben Sie inzwischen?

Heute führe ich ein Team von 12 Mitarbeiter/innen.

Wie sieht es auf der gleichen Führungsebene aus: Gibt es hier Probleme?

Wir haben regelmäßige Teamleitermeetings, die um 15.00 Uhr stattfinden. Wenn so ein Termin stattfindet, versuche ich daran teilzunehmen und meine Woche um den Termin herum zu bauen. Mein Mann organisiert dann die Kinder. Ich fühle mich aber von meinen Kolleg/innen unterstützt – die meisten finden es toll, dass ich beides - Familie und Karriere - hinbekomme. Die Wertschätzung im Kollegium ist groß.

Die Strategie von Würth Elektronik ist es ja, junge Mitarbeiter/innen möglichst selbst ausbilden und danach im Unternehmen zu halten – da gehört es dazu, dass man seinen Mitarbeiter/innen die Möglichkeit gibt, eine Familie zu gründen. Bei Würth Elektronik spielen wir mit offenen Karten, die Zusammenarbeit ist vertrauensvoll.

Ihr Pensum kostet jede Menge Kraft – Kinder bedeuten auch schlaflose Nächte. Was treibt Sie an und was motiviert Sie?

Meine Grundeinstellung war immer: Ich habe nicht studiert und mich angestrengt, um danach zu Hause zu bleiben. Ich möchte beruflich vorankommen, etwas bewegen, mich weiterentwickeln und meine Themen vorantreiben! Beides, sowohl meine Führungsrolle als auch meine Mutterrolle, machen mir Spaß und dass ich alles unter einen Hut bekomme, macht mich persönlich sehr glücklich.

Vielleicht spielen auch unsere Biografien eine Rolle: Mein Mann und ich kommen beide aus Ostdeutschland, wir wurden beide anders sozialisiert: Ich war als kleines Kind selbst von 7.00 Uhr bis 17.00 Uhr im Kindergarten und wir beide wurden schon in einem frühen Alter zur Selbstständigkeit erzogen. Das wollen wir auch unseren Kindern mit auf den Weg geben – und wir lieben sie nicht weniger, weil wir sie in eine Ganztagesbetreuung geben! Dafür nutzen wir vielleicht die Wochenenden oder die freie Zeit intensiver: Wir sind als Elternteile auch beide engagiert: Ich bin im Elternbeirat, mein Mann trainiert die Bambinis im Fußball.

Aber ich will ehrlich sein: Auch ich hatte schon Momente, in denen ich dachte, dass ich das alles nicht mehr schaffe - die vielen Projekte, Stau auf der Strecke und den Druck immer überall pünktlich zu sein …

Wäre ihr Modell in jeder Führungsposition bei Würth Elektronik denkbar oder war der Erfolg auch der besonderen Situation (Aufbau der neuen Abteilung) geschuldet?

Ich denke, ein Teilzeitmodell wie meines wäre in unserem Unternehmen überall denkbar. Realistisch betrachtet, führt jede Führungskraft in Teilzeit, weil sich niemand 100 Prozent seiner Arbeitszeit nur mit Führung beschäftigen kann. Am Ende ist die Frage, wie man sich die Zeit für die Mitarbeiter/innen nimmt. Die müssen sich meine Vollzeit-Kolleg/innen aber genauso stellen.

Denken Sie, dass Sie durch Ihre Doppelauslastung noch einmal effizienter geworden sind?

Gelernt habe ich, was man im Studium gerne als „Mut zur Lücke“ bezeichnet. In meinem Berufsleben bedeutet das, auch mal nein zu sagen, nicht alle Aufgaben anzunehmen, sondern sich seine Zeit einzuteilen, zu delegieren und gut zu priorisieren. Ich habe auf jeden Fall gelernt, konsequenter zu handeln.

Netzwerken gehört ja auch dazu, wenn man Karriere machen will. Kommt das bei Ihnen aufgrund der knappen Zeit zu kurz?

Ich bin sicher zügiger unterwegs und kann mir in meinem durchorganisierten Alltag nicht spontan einen Netzwerk-Kaffee erlauben. An Abendveranstaltungen wie Kongressen oder größeren Meetings nehme ich nach Möglichkeit teil, wenn mein Mann die Kinder betreuen kann. Auf diese Weise fühle ich mich nicht außen vor. Dazu kommt: Ich bin mit meinen Kolleg/innen auch privat in Kontakt und stehe im Unternehmen auch inhaltlich mit vielen Abteilungen im Austausch, da ich viele unterschiedliche Projekte habe. Von daher bin gut vernetzt.

Was würden Sie anderen empfehlen, die sich im Zuge der Familienplanung überlegen, eine Führungsposition in Teilzeit zu übernehmen?

Natürlich ist es einfacher, wenn man im Hintergrund jemanden hat, der flexibel ist und die Kinder betreuen kann. Unsere Eltern sind in Thüringen, daher haben wir eine Babysitterin. Diese Flexibilität auf der privaten Seite hilft enorm. Bei mir kommt es eben auch einmal vor, dass ich Termine absagen muss.

Ansonsten sollte jede Frau daran festhalten, sich weiterzuentwickeln. Mein Appell wäre: Frauen, ihr habt alle eine gute Ausbildung - also seid egoistisch, glaubt an euch und fordert ein, was ihr wollt!

Herzlichen Dank für das spannende Gespräch und weiterhin alles Gute für Sie.

 

 

Unterstützer
Das Projekt wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landes Baden-Württemberg unterstützt.