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"Eine Führungskraft in Teilzeit muss loslassen können."

Christian Skultety, Agile Master, Robert Bosch Power Tools GmbH

 

Teilzeitmodell: 80 Prozent verteilt auf vier Präsenztage

Christian Skultety, Agile Master Robert Bosch Power Tools GmbH


Lieber Herr Skultety, bitte stellen Sie sich unseren LeserInnen kurz vor.

Ich arbeite bei der Robert Bosch Power Tools GmbH in der Business Unit für professionelle Elektrowerkzeuge. Dort bin ich für die agile Transformation sowie für die "agile Master" dieses Organisationsbereichs verantwortlich. Ursprünglich habe ich ganz klassisch ein Maschinenbaustudium absolviert und war bereits während des Studiums für Bosch tätig: sowohl bei einem Praktikum in Korea als auch bei meiner Diplomarbeit. Der tatsächliche Berufseinstieg erfolgte 2004 im Bereich Lean Management bei Bosch - in diesem Rahmen habe ich z.B. dafür gesorgt, dass weltweit alle Werke von Power Tools eine Werksvision haben. Später war ich knapp fünf Jahre in China tätig, sowohl in operativen Führungsfunktionen als auch parallel als Projektleiter für die Zusammenlegung zweier Fertigungswerke. Ursprünglich war der Auslandsaufenthalt für drei Jahre angedacht – meine Frau hat dort auch gearbeitet. Es hat uns so gut gefallen, dass wir den Aufenthalt verlängert haben. Zurück in Deutschland war ich wieder für verschiedene organisatorische Change Management Themen zuständig, zuletzt im genannten Bereich für Agilität.

Nebenfrage: Ihre Karriere und vor allem Ihre aktuelle Position klingen mehr nach Management - was hat das mit Ihrem Studium zu tun?

Tatsächlich haben meine Aufgaben nur wenig mit meinem Studium zu tun. Ich finde sie dennoch sehr spannend. Grundsätzlich würde ich sagen: Ein Studium prägt die eigene Denkweise und die Art und Weise, wie man an Probleme herangeht. Außerdem arbeite ich mit vielen Ingenieuren zusammen - mein Ausbildungshintergrund bringt mir hier zusätzlich Akzeptanz in meiner Position.

Seit wann arbeiten Sie in Teilzeit und wie gestaltet sich Ihr Teilzeitmodell?

Ich bin seit meiner Rückkehr aus China, also seit 2014, in Teilzeit tätig und habe eine 80-Prozent-Stelle. Konkret bedeutet das, dass ich vier Tage in der Woche arbeite und freitags frei habe. 

Lässt sich dieses Modell für Sie konsequent umsetzen, d.h. sind Sie freitags tatsächlich nie im Büro anzutreffen?

Ich versuche es, bin aber da, wenn beispielsweise unser zuständiger Vorstand freitags in unsere Abteilung kommt.

Was waren die Beweggründe für dieses Arbeits- und Lebensmodell?

Ich wollte ein nebenberufliches Masterstudium beginnen, um mich persönlich weiterzuentwickeln. Um mir ausreichend Zeit und Freiraum für das Studium zu verschaffen,  wollte ich meine Arbeitszeit entsprechend reduzieren.

Die Motivation war also, den nötigen Freiraum für eine Weiterbildung zu haben. Haben Sie auch Kinder?

Meine Frau und ich haben zwei Kinder, eines ist ein Jahr und eines ist drei Jahre alt. Ohne die Kinder wäre ich mit dem Studium vermutlich schon deutlich weiter oder hätte es vielleicht bereits abgeschlossen. Mit den Kindern ist das aber doch eine Herausforderung und nicht schneller möglich.

Ihren Wechsel von Vollzeit auf Teilzeit haben sie mit der Rückkehr aus China verbunden: Haben Sie Ihre neue Stelle direkt so verhandelt?

Ich habe die Teilzeittätigkeit mehr oder weniger zur Bedingung gemacht, so dass ich auf die 80 Prozent reduzieren und das Studium beginnen konnte.

Gab es die Stelle vorher schon?

Ja, aber mit einer anderen inhaltlichen Ausprägung.

Wie konnte die Stelle, die auf 100 Prozent ausgelegt war, auf 80 Prozent "eingedampft" werden?

Da die damalige Organisationsform nicht mehr gepasst hat, brachte die geplante Umstrukturierung der Business Unit auch eine Restrukturierung und Neuausrichtung der Stelle mit sich. Auf diese Weise konnte ich definieren, wie meine Rolle aussehen wird und welche Aufgaben damit verbunden sind.

Wie hat Ihr Team auf Ihr Teilzeitmodell reagiert? Wurden Sie als Führungskraft mit 80 Prozent akzeptiert?

Wir haben in unserer Business Unit einen hohen Teilzeitanteil. Gerade viele KollegInnen mit Familie arbeiten in Teilzeit. Viele haben ihre Tätigkeit bei Bosch auch aufgeteilt, verwenden also 50 Prozent ihrer Zeit auf einen Agile-Master-Job und gehen in den restlichen Prozent noch ihrer alten Aufgabe nach.

Fällt es Ihnen schwer, Ihr Team unter diesen Bedingungen zu führen?

Wir haben feste Zeiten, zu denen wir uns austauschen und alle verfügbar sind. Da wir agil aufgestellt sind, sind wir ohnehin hochfrequent getaktet - ich kann mir ganz einfach bei unseren kurzen Standup Meetings und an den Kanban-Boards mein Update holen. Das ist wesentlich leichter und aktueller als bei einem Abteilungsmeeting einmal pro Monat. 

Das heißt, die agilen Methoden, die Sie bei sich im Team einsetzen, helfen Ihnen dabei, Ihre Führungsrolle erfolgreich in Teilzeit zu gestalten?

Persönlich würde ich sagen: Ja, die Agilität hilft. Im Unternehmen gibt es aber auch Mitarbeiter, denen diese hohe Anzahl von Abstimmungsterminen nicht liegt, da sie dadurch mehr Zeit in solche Meetings investieren müssen bzw. zu bestimmten festen Zeitpunkten verfügbar sein sollen. Ich glaube aber, in der alten Organisationsform wäre das wesentlich schwieriger. Wir haben durch unsere offene Feedbackkultur viele Diskussionen zum Thema Teilzeit und arbeiten aktiv daran, uns hier immer weiterzuentwickeln.

Das heißt, in Ihrem Team und bei Ihrem Vorgesetzten ist die Akzeptanz hoch?

Ich hatte inzwischen schon drei unterschiedliche Vorgesetzte und alle sind mit meinem Teilzeitmodell sehr zufrieden gewesen.

Nur auf den höheren Ebenen ist es schwierig? Sie erwähnten vorhin, dass Sie freitags ins Büro kommen, wenn sich der Vorstand ankündigt.

Ja, wobei es nicht vom Vorstand gefordert wird – er würde vermutlich auch eine Vertretung akzeptieren. Ich bevorzuge aber den persönlichen Kontakt und habe das Gefühl, dass ich ein Informationsdefizit habe, wenn ich an wichtigen ausgewählten Terminen nicht selbst teilnehme.

Wie sieht es beim Netzwerken aus? Kommt die Netzwerkpflege in Ihrer Vier-Tage-Woche zu kurz?

Ich selbst habe nicht den Eindruck, dass das Netzwerken zu kurz kommt. Ich kann mich zum Beispiel zum Mittagsessen mit KollegInnen treffen und die Pause zum Austausch nutzen. Ich merke allerdings, dass ich weniger Zeit habe, um mich selbst informiert zu halten – zum Beispiel komme ich nur noch selten dazu, den internen Bosch-Blog zu lesen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Ihren Kolleginnen auf der gleichen Ebene? Bleibt hier genug Raum für den Austausch?

Wir haben auf der Ebene der Führungskräfte ebenfalls Standup-Meetings und treffen uns zwei Mal pro Woche für eine Viertelstunde, um uns auszutauschen und auf Stand zu halten. Dadurch fühle ich mich gut informiert. Außerdem haben wir gemeinschaftlich diskutiert, wie der Abteilungsterminkalender aussehen soll, und versuchen insgesamt, freitags nur wenige Termine vorzusehen. Freitags ist also die Termindichte wesentlich geringer, sodass ich nicht das Gefühl habe, viel zu verpassen.

 

 

New Work begünstigt also Teilzeit, würden Sie das so sagen?

Ja, absolut, das würde ich für mich so sagen.

 

 

Was sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren, damit Führung in Teilzeit gelingt?

Ich bin überzeugt, dass man als Führungskraft die Voraussetzung mitbringen muss, loslassen zu können. Ich habe gegenteilige Führungspersonen erlebt, die alle Fäden in der Hand halten wollen. Das ist bei einem Teilzeitmodell nicht möglich. Man muss loslassen und Mitarbeitern vertrauen können. Wenn ich meinen MitarbeiterInnen sage, dass sie in meiner Abwesenheit eine Entscheidung treffen sollen, dann muss ich diese im Nachhinein auch mittragen.

Ich habe das in China gelernt: Im Prinzip war es dort meine Aufgabe, MitarbeiterInnen an den Punkt zu bringen, ab dem sie ohne mich klarkommen. Das ist natürlich einfacher mit MitarbeiterInnen, die viel Eigeninitiative an den Tag legen, und schwerer mit MitarbeiterInnen, die eher eine enge Führung brauchen.

Sie als Führungskraft haben diese MitarbeiterInnen ja vielleicht auch dazu befähigt?

Ja, ich würde sagen, dass wir noch mittendrin sind. Mein Team ist ja noch nicht so alt und sehr divers aufgestellt. Manche kann ich alleine laufen lassen, andere brauchen noch mehr Führung.

 

 

Nebenfrage: Hilft Ihnen da Ihr nebenberufliches Masterstudium?

(lacht): Nein, das ist immer ein Entwicklungsprozess aller beteiligter Seiten und lässt sich nicht durch das Studium beantworten. 

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Entscheidung reagiert, dass Sie Ihre Führungstätigkeit in Teilzeit ausüben wollen? Gab es da eher Akzeptanz oder Kritik – z.B. in Ihrem Freundeskreis, bei Ihrer Frau, Ihren Eltern oder langjährigen Kollegen?

Es gab eigentlich keine Kommentare in irgendeine Richtung. Meine Teilzeittätigkeit wird als ganz normal akzeptiert. Mir fällt nur die Reaktion meiner Eltern ein, als wir ihnen gesagt haben, dass wir ein Kind bekommen. Sie waren sehr erstaunt, dass wir noch ein weiteres „Projekt“ starten.

Insgesamt wird uns eher Respekt entgegengebracht nach dem Motto: Wie bekommt ihr das nur auf die Reihe – Arbeit, ein Haus renovieren, Studium, Kinder?

Gibt es bei BOSCH viele männliche Führungskräfte, die in Teilzeit arbeiten?

Ich kenne wenige Führungskräfte bei Power Tools, die in Teilzeit arbeiten, aber es gibt welche, sowohl männliche als auch weibliche. Dass Männer ein oder zwei Monate zur Geburt des Kindes Elternzeit nehmen, ist dafür heute viel normaler. Dies wird auch in der Geschäftsleitung praktiziert bzw. auch positiv kommuniziert. Ein ganzes Jahr oder länger Elternzeit nehmen in der Regel jedoch noch immer typischerweise Frauen.

Bei Bosch Power Tools beschäftigen wir uns intensiv mit der Weiterentwicklung unserer Unternehmenskultur: Dass Führung in Teilzeit bereits möglich ist, ist ein guter Schritt in die richtige Richtung.

Herzlichen Dank für das spannende Gespräch und weiterhin viel Erfolg für Ihr Studium und Freude mit Ihrer Arbeit.

 

 

Unterstützer
Das Projekt wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landes Baden-Württemberg unterstützt.